Die Priesterherrschaft und ihre Beseitigung. Die Krieger. 331
schreibende, buchführende Verwaltung hat Jahrhunderte lang da und dort in ihren
Händen gelegen. Ihr hohes Einkommen haben sie ursprünglich zur Sammlung von
Familienvermögen, später, zumal wo der Cölibat herrschte, wie in der mittelalterlichen
Kirche, zur Anhäufung von Tempel- und Kirchenvermögen verwandt.
Die Nachwirkungen dieser Institutionen und dieser Vermögensverteilung sind in
den meisten europäischen Staaten heute noch vorhanden. Die Priesterherrschaft aber ist
fast allerwärts veseitigt oder zurückgedrängt durch die Konkurrenz der selbständigen
geistig-sittlichen Kräfte, die in den gesamten höheren und mittleren Klassen sich ent—
wickelten, hauptsächlich heute in den verschiedenen liberalen Berufen sich finden. Ein
großer Teil dieser letzteren ist direkt oder indirekt aus den Einrichtungen und Traditionen
der Priester hervorgegangen. Der Typus von Personen, die durch ausschließliche oder
überwiegende geistige Kraft und Arbeit sich eine höhere oder besondere Stellung erwerben,
ist seit den Tagen des Priesterberufes nicht mehr verschwunden. Alle spätere Aristokratie
hat sich ihre Stellung in dem Maße erwerben und behaupten können, wie sie, ähnlich
den einstigen Priestern, sich durch Bildung und Kenntnisse, geistige Kraft und moralische
Zucht auszeichnete. Manche Naturforscher glauben, die höheren geistigen Leistungen
beruhten physiologisch auf der viel stärkeren Zuleitung des Blutes zum Gehirn, wie die
mechanischen auf der zu den Muskeln, und es sei ausgeschlossen, daß große Fähigkeiten
nach der einen oder ganderen Seite möglich seien ohne diese physiologische Einseitigkeit.
Es dürste dies eine Übertreibung sein, die nur teilweise wahr ist; es liegt sicher die
Möglichkeit einer harmonischen Ausbildung der körperlichen und der geistigen Kräfte vor;
sie ist nur praktisch, je weiter die Arbeitsteilung voranschreitet, um so viel schwieriger,
d. h. nur bis zu einem gewissen Grade durch immer komnliziertere Gesellschafts- und
Erziehungseinrichtungen herbeizuführen. —
Neben den geistlichen haben die meisten Stämme und Völker eine Gruppe von
weltlichen Aristokraten, Häuptlingen, Principes, Adeligen und
Kriegern frühe entstehen sehen, die wohl von Anfang an auch durch Klugheit und
moralische Eigenschaften, in der Hauptsache und vor allem aber als große Jäger, kühne
Kämpfer, als Viehzüchter und Tierbändiger, als Anführer von Beutezügen, als kraft⸗
volle, imponierende Perfönlichkeiten sich auszeichneten. Sie waren diejenigen, die am
frühesten fich zahlreiche Weiber und Kinder, großen Vieh- und Sklavenbesitz zu verschaffen
wußten, die in Zusammenhang mit ihrer Stellung, mit ihrem Menschen- und Viehbesitz
später auch den größeren Landbesitz erwarben. Wir kommen darauf zurück.
Die letzte ürsache aber ihres Besitzes waren ihre persönlichen Eigenschaften; durch
diese stiegen sie unter den Volksgenoffen empor, durch diese erhielten sie die Richter-,
die Häuptlings-, die Anführerstellen, die Amter. Die Tapferkeit (virtus) galt nicht bloß
bei den Römern als die einzig wahre Tugend, sie war für alle aͤlteren Zeiten eben die
für die Stämme und Sippen, ihre Existenz, ihre Kämpfe wichtigste, um sich zu behaupten.
Und darum erwies man ihr eine Ehrfurcht, die heute kaum mehr vorhanden sein kann,
nur etwa in der Stellung unseres Offizierstandes noch nachklingt. Die kriegerischen
Aristokratien gingen aus diesen Tapferen und ihren Gefolgschaften hervor.
Freilich ist die Entstehung eines besonderen Kriegerstandes bei den tüchtigsten
und kühnsten Stämmen nicht der Anfang ihrer Militärverfassung. Besonders einzelne
Stämme mit Viehbesitz, mit kräftigen Rasseeigenschaften, durch Klima, Schicksale und
Wanderung auf stete Kämpfe hingewiesen, haben unter der Leitung begabter Führer
eine Verfaffung ausgebildet, nach der jeder erwachsene Mann zugleich Krieger war. Die
bedeutendsten indogermanischen Völker, Griechen, Römer, Germanen, sind hieher zu
rechnen, welche in ihren Wandertagen und auch noch später in ihrer Gesamtheit Hirten,
Ackerbauer und Krieger zugleich waren. Allerdings waren auch bei ihnen bald gewisse
Modifikationen der allgemeinen Kriegspflicht nötig. Man bot jahres- oder zeitweise
nur die Hälfte der Männer auf, während die anderen für diese arbeiteten. Man ließ
zu kleineren Zügen nur die Jugend oder die Altersklassen bis zum 80., 40., 45. Jahre
ausrücken; man begann, die schwere Last der Ausrüstung und eigenen Verpflegung wie
den Kriegsdienst selbst nach der Größe des Grundbesitzes oder Vermögens abzuflufen.