Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die Geschichte der Kriegsverfassung. Die Händler. 333

Die reinen Soldheere, die im Altertume schon etwa 400 v. Chr. beginnen, auch
in Rom unter Marius die alten Bauernsoldaten verdrängen, in der neueren Zeit vom
13. —18. Jahrhundert vorherrschen, am frühesten und ausschließlichsten reichen Handels—⸗
staaten eigen sind, führen aber zuletzt zu den größten politischen und socialen Mißständen.
Während das übrige Volk in Feigheit und Genußsucht verweichlicht, setzt sich der
Soldatenstand mehr und mehr aus den rohesten Elementen, barbarischen Fremden,
Soldatenkindern, Thunichtguten, Verbrechern zusammen; ohne sittlichen Zusammenhang
mit den Volks- und Staatsinteressen, die er verteidigen soll, ergiebt er sich Usurpationen,
erhebt seine Führer zur Diktatur, fordert unerschwingliche Summen für seinen Unterhalt
oder seine Bestechung und schützt zuletzt so wenig vor innerer Auflösung wie vor äußeren
Feinden. Die zu weit getriebene Arbeitsteilung macht bankerott.
Daher ist die neuere Zeit zu einem gemischten System zurückgekehrt: lebenslängliche
Offiziere sowie Unteroffiziere, die S—— 15 Jahre dienen und dann in eine Civilstellung
übergehen, geben den Rahmen für ein stehendes Heer, für das die Männer vom 17. bis
42. Jahre (180/0 der Bevölkerung) kriegspflichtig sind, in dem die körperlich tüchtigen
Männer der ganzen Nation in einer Übungszeit von einigen Monaten oder Jahren
kriegerisch ausgebildet werden, um dann ihrem anderen, dauernden Berufe zurückgegeben,
nur im Kriegsfalle je nach Bedarf bis zu 7, 8 und 92/0 der Bevölkerung zur Fahne
gezogen zu werden. Im Offiziersdienste verjüngt sich der alte Grundbesitzadel, indem
er neue Pflichten auf sich nimmt; er kann es aber nur, indem er selbst zugleich die
höhere geistige Bildung der liberalen Berufe erwirbt und sich mit diesen gleichsam ver—
schwistert. Die allgemeine Wehrpflicht der übrigen Klassen ist die stärkste Korrektur
der sonstigen so weitgehenden, teilweise übertriebenen Arbeitsteilung überhaupt, ein
Erziehungsmittel für die ganze Nation, sowie ein sicheres Gegenmittel gegen die Miß—
bräuche der Klassenherrschaft.
115. Die Händler. Ein gewisser Handel und Tauschverkehr hat sich sehr
frühe entwickelt. Wir kennen kaum Stämme und Völker, die nicht irgendwie durch ihn
berührt würden. Die verschiedene technische und kulturelle Entwickelung schuf in der
allerfrühesten Zeit bei einzelnen Stämmen bessere Waren und Werkzeuge; die Natur
gab verschiedene Produkte, welche bei den Nachbarn bekannt und begehrt wurden. Und
überall hat sich die Thatsache wiederholt, daß der Wunsch nach solchen Waren und
Produkten Jahrhunderte, oft Jahrtausende früher lebendig wurde als die Kunst, sie
selbst herzustellen; für viele war dies ja an sich durch die Natur ausgeschlossen.
Der erste Handel und Tauschverkehr war nun aber lange ein solcher ohne Händler.
Schon in der Epoche der durchbohrten Steine gelangen Werkzeuge und Schmucksachen
von Stamm zu Stamm auf Tausende von Meilen. Ein sprachloser, stummer Handel
besteht noch heute am Niger; auf den Stammgrenzen kommt man zusammen, legt ein—
zelnes zum Austausch hin, zieht sich zurück, um die Fremden eine Gegengabe hinlegen
zu lassen, und holt dann letztere. Innerhalb desselben Stammes hindert lange die
Gleichheit der persönlichen Eigenschaften und des Besitzes jedes Bedürfnis des Tausches.
Auch auf viel höherer Kulturstufe finden wir noch einen Handel ohne Händler, wie
z. B. zwischen dem Bauer des platten Landes und dem Handwerker der mittelalterlichen
Stadt lange ein solcher Austausch der Erzeugnisse stattfindet, ein Handel zwischen
Produzent und Konsument. Zwischen verschiedenen Stämmen gaben die Häuptlinge und
Fürsten am ehesten die Möglichkeit und den Anlaß zum Tausch. Daher sind lange diese
Spitzen der Gesellschaft die wesentlich Handeltreibenden. In Mikronesien ist heute noch
dem Adel Schiffahrt und Handel allein vorbehalten; die kleinen Negerkönige Afrikas
suchen noch möglichst den Handel für sich zu monopolisieren. Ahnliches wird von den
älteren russischen Teilfürsten berichtet; die Haupthändler in Tyrus, Sidon und Israel
waren die Häuptlinge und Könige.
Nur bei solchen Stämmen, die, entweder am Meere lebend, Fischsang und Schiff—
fahrt frühe erlernten, oder als Hirten mit ihren Herden zwischen verschiedenen Gegenden
und Stämmen hin und her fuhren, wie bei den Phönikern und den arabisch-syrischen
            
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