Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 143. zum 16. Jahrh. 107
wenn die christlichen Sympathien sich schon früh dem geknech—
teten Bauer zuwandten als dem Seligen, der da Leid trägt in
Hoffnung zukünftigen Trostes. Mit Rührung erwähnte man
wohl vor den Enterbten des platten Landes, wie Christus
trotzdem ihren Stand besonders gesegnet habe, indem er es
aussprach: mein Vater ist ein Baumann“; und gern brachte
man den Bauer in Beziehung zu den christlichen Geheimnissen:
Ich pau die frucht mit meiner hand,
daraus sich gott verwandelt in priesters hand.
Es ist eine Stimmung, die alle frommen Gemüter des
15. und 16. Jahrhunderts beherrscht; niemand ist ihr mehr
unterworfen gewesen, als Luther.
Und dieser Strömung mächtiger Sympathien des Ge—
mütes, wie sie den verachteten Bauer moralisch frei machte
zum Widerstand, trat keinerlei Gegenwirkung geistiger Art stark
lähmend entgegen. Die Wissenschaft lag noch in den Fesseln
der Religion, sie war noch nicht selbstherrlich; einzelne ihrer
Zweige, die Astrologie namentlich mit ihren Kalendern, Pro—
gnostiken und Hausbüchlein, haben nur dazu beigetragen, die
bestehenden Neigungen zu verstärken. Und diese Neigungen
zußerten sich noch frei in naturwüchsiger Form, ja in oft
zügellosem Tone; und ihnen kam seit Mitte des 15. Jahr—
—
den Buchdruck entgegen, ohne daß in der Censur schon eine
Kontrolle dieses neuen, unendlich mächtigen Hebels der öffent—
lichen Meinung entwickelt war.
So war eine allgemeine Stimmung für revolutionäre Be—
wegungen, für ihre Durchführung wie ihre Zulassung vor—
handen. Und geistige Anstöße von außen her soraten dafür.
fie noch zu verstärken.
Von Böohmen her drang das husitische Gift ein. Auf
weltlichem Gebiete bedeutete es die Predigt eines internatio—
nalen Sozialismus: wiederholt forderten husitische Manifeste
1Pateéer meéus agricola est, Joh. 15, 1.