Entstehung, Wesen und Verfafsung der Kartelle. 451
so ist klar, wie schwierig die Verhandlungen sein mußten, wie häufig sie scheiterten,
wie oft bestehende Kartelle sich wieder auflösten. Meist hat erst die bittere Not 60 bis
900/0 der gesamten Produktion des Gebietes auf den Standpunkt der Vereinigung hin—
gedrängt; wenn nicht so viele beitraten, war der Erfolg meist in Frage gestellt. Auch
ist klar, daß nur Geschäfte ohne zu viel Schwierigkeiten sich einigen konnten, die gleich—
mäßige, vertretbare Waren, hauptsächlich Halbstoffe erzeugen, wie Kohle, Eisen, Schienen,
Salz, Chemikalien, Petroleum, Zucker, Branntwein oder Eisenbahn- und Telegraphen⸗
gesellschaften ꝛc. Die Versuche in der keramischen, Wirkwaren-, Chokoladen- Glacé—
handschuhfabrikation scheiterten bisher. Auch wo es sich um Tausende von kleinen und
mittleren Produzenten handelt, ist die Sache sehr viel schwieriger, als wo eine kleinere
Zahl großer Fabriken den Markt beherrscht.
Die Phasen der Kartellentwickelung lassen sich kurz so charakteristeren: 1. Verab⸗
redungen über Kreditgewährung, Zahlungsbedingungen und Ähnliches, 2. solche über
Maximalpreise, welche man für Rohstoffe zahlt, über Minimalpreise, die man beim
Verkauf fordert; 3. Hinzufügung des Ehrenwortes und bald von Geldstrafen bei Ver—
letzung, welche man durch hinterlegte Wechsel leicht einziehbar macht; auch das reicht
meist nicht aus; also 4. Verteilung des Marktes durch Demarkationslinien, die bei
Strafe eingehalten werden müssen, und 5. Verabredungen über das einheitliche Vorgehen
bei Submissionen; nur eain Werk bietet, die anderen höchstens zum Schein; 6. feste
Verabredungen über die Größe der Produktion jedes Werkes nach seiner bisherigen
Kapacität, entweder überhaupt oder wenigstens fürs Inland, häufig so, daß für Minder—
produktion eine Prämie gezahlt, für eine gewisse Mehrproduktion eine Strafe erhoben
wird; diese Verabredung verbindet sich meist mit Preisfestsetzungen; 7. reicht auch das
nicht, so wird aller Verkauf der Produkte auf eine Centralstelle übertragen, welche die
Natur einer gemeinsamen Agentur haben kann oder die einer selbständigen Aktiengesell⸗—
schaft, deren Aktionäre nur die beteiligten Werke sein können. Ist die Centralisation
so weit gediehen, so können auch weitere Maßnahmen getroffen werden: die Stillstellung
teilnehmender oder gepachteter Werke, der Ankauf von nicht beigetretenen, die Verhinderung
der Entstehung neuer Werke, wobei man in den Mitteln teilweise nicht wählerisch ist.
Die juristische Natur der Verbindungen und der Centralstellen kann sehr ver—
jchieden sein; in Amerika hat man die Form gewählt, daß ein kleines Vertrauenskomitee,
die sogenannten trustées, die Aktien der beteiligten Werke in die Hand und damit die
unbedingte Verfügung über Generalversammlungen und Vorstände, über technisches und
kaufmännisches Gebaren der Gesellschaften bekommen; sie stellen den Aktionären an Stelle
der Aktien Certifikate aus, oft im 224fachen Betrag der Aktien, um die gezahlten
Dividenden niedriger erscheinen zu lafsen.
Außer dem direkten Zwecke der Konkurrenz und Preisregulierung, der Herstellung
von Monopolen und hohen Gewinnen haben die Kartelle in großartiger Weise Versuchs-
stationen, Bibliotheken, Nachrichtenbüreaus errichtet, den technischen Fortschritt gefördert,
die Verkehrsanstalten beeinflußt, die Regierungen und Parlamente, wie die öffentliche
Meinung bvearbeitet, oft auch mit enormen Summen einzelne Personen für sich gewonnen.
In Schutzzollländern war die Herstellung der Kartelle durch die Abhaltung der
fremden Konkurrenz wohl etwas erleichtert; im ganzen haben sie sich in allen Ländern
mit maschinellem Großbetrieb, starker Konkurrenz, entwickeltem Verkehr gebildet. Am
weitgehendflen wohl in den Vereinigten Staaten, wo sie auch die Politik und die
Eisenbahnen am meisten beherrschen; es existieren dort zahlreiche Trusts mit 60—90 Mill.
Dollars Kapital; aber auch in England, Frankreich, Deutschland, Osterreich, Italien
bestehen zahlreiche Kartelle; in Deutschland zählte man 1887 70, 1896 137. Eine
Reihe großer internationaler Kartelle beherrschen den Weltmarkt, wie der amerikanische
Standart Oil Trust, der die dortige Petroleumproduktion, und das Haus Rothschild,
das die russische kontrolliert. Jeder derartige Verband wirkt leicht darauf hin, daß
die mit ihm verkehrenden Produktionskreise sich ähnlich organisieren, um nicht bei jeder
Belegenheit von der Übermacht des anderen Teiles gedrückt zu werden. Die Groß- und
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