III. Rationalisierung und Kunst
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das Kunstgewerbe um seiner weit ornamentaleren Funktionen willen
viel mehr ein Bereich des individuellen Geschmacks geblieben.
Dies bedingt auch den schärferen Konflikt zwischen den Anhaͤngern
der Typenbildung und jenen der individuellen Kunstform. Jene
haben der unlauteren Verklitterung billiger, von der Maschine oder
doch mit ihrer Hilfe geschaffener Zweckformen mit äußerlich aufge⸗
klebtem oder aufgenageltem, von „akademisch“ gebildeten Zeichnern
in historischem Stile entworfenem Zierrat den Kampf angesagt.
Diese halten am Handwerklichen und Handgearbeiteten grundsatzlich fest
und lehnen die Identität von Form und Zweck nach wie vor ab.
Die ersteren haben sich im Jahre 1908 unter dem Motto der Zweck⸗
— DD Konstruktionsmäßigkeit, die
man als unerlaͤßliche Anforderungen an eine „Qualitaͤtsware“*) be⸗
zeichnete, im deutschen Werkbunde zusammengeschlossen. Dort werden
sie vom Fachverband für die wirtschaftlichen Interessen des Kunst⸗
gewerbes bekaͤmpft, in welchem die Kunsthandwerker alten Schlages
an „Personlichkeitskultur“ für das Handwerk zu retten suchen, was
noch zu retten ist.
Tatsächlich ist von der Identitaͤt von Zweck⸗ und Kunstform auch
mnerhalb des Werkbundes anfaͤnglich nicht die Rede gewesen. Auf
seinen ersten Tagungen bis zum Jahre 1914 wurde über Qualitaͤt,
Geschmack, okonomische Brauchbarkeit diskutiert, nicht aber über die
ästhetischen Werte der Zweckmaͤßigkeit. Erst unmittelbar vor dem
Kriege trat die Krise ein. „Die Bewegung, die sicherlich aus künst⸗
lerischen Impulsen entstanden war, konnte sich mit der negativen
Reinigungsarbeit keinesfalls zufrieden geben. Vielmehr drängte
sich mit Macht, über alle Zweckmaͤßigkeit und Materialgerechtigkeit
hinweg, das eigentliche Ziel der Bewegung, das Firmal⸗Architekto⸗
nische hervor. Man erkannte bald, daß es sich im Grunde der Sache
um die Proportionierung und Rhythmisierung handelte, also um
*) E. K. Fischer, Deutsche Kunst und Art; von den Künsten als Ausdruck der
Zeiten, Sybillen⸗Verlag 1924, S. 2 60.