252 GEOGRAPHISCHE STAATENKUNDE
hat sie eine ganz andere Wirkung auf die wirtschaftliche und politische
Entwicklung eines Staates als z. B. die im wesentlichen glatt
verlaufende Küste Portugals oder Brasiliens. Eine stark gegliederte
Küste betont den ozeanischen Charakter eines Landes
stärker als eine glatte.
Die skandinavische Westküste weist Norwegen um so mehr auf die See
hinaus, als der schmale ozeanische Siedlungsstreifen vom Hinterland durch ein
anwirtliches, dem Bodenbau und dem Verkehr die größten Hindernisse entzegensetzendes
Hochgebirgsland getrennt ist.
Weiter ist es nicht gleichgültig, an welche Art Meer ein
Staat grenzt.
Rußland grenzt an vier Meere, und seine Seegrenze ist etwa doppelt so
lang wie seine Landgrenze, und doch ist es ein Kontinentalstaat reinster Form.
Denn drei der begrenzenden Meere sind abgeschlossene Binnenmeere, und das
vierfe spielt wegen seiner polaren Lage für die Schiffahrt keine Rolle. Wie
ganz anders liegen die Verhältnisse bei England und den Vereinigten Staaten.
an deren Küsten die Wellen des offenen, verkehrsreichen Atlantischen Ozeans
schlagen. Selbst Deutschland hat vermöge seines kleinen Anteils an der Nordsee
und damit am Atlantischen Meere einen stärker. ausgeprägten ozeanischen
Charakter als seine osteuropäischen Nachbarn. Nach dem gleichen Gesetz ist
Norwegen, auch abgesehen von seiner entwickelten Küste, wegen seiner Lage
am freien Weltmeer ein ozeanischer, das der Ostsee, also dem Binnenmeer zugekehrte
Schweden ein mehr kontinentaler Staat. Und für Deutschlands Seegeltung
bedeutet die kurze Nordseeküste weit mehr als die doppelt so lange
Ostseeküste.
Die ozeanische Wirkung der Meereslage wird vermindert,
wenn das Gegengestade zu nahe liegt.
Dänemarks Inseln sind nur. durch schmale Meeresarme voneinander und
von den benachbarten Festlandsmassen getrennt, jene wirken so mehr als Flüsse
denn als Meeresteile. Nicht nur das Auge empfindet diesen Staat auf der Karte
fast als ein zusammenhängendes Festlandsstück, er ist auch in der Tat seinem
Klima und seiner zum allergrößten Teil Landwirtschaft treibenden Bevölkerung
nach, trotzdem seine Seeküste reichlich elfmal so lang ist wie die Landgrenze,
mehr ein kontinentaler Staat. — Wie England im Mittelalter, so griff Japan
in der Gegenwart über einen schmalen Meeresarm auf das nahe gelegene Festland
über, beide erhielten dadurch in ihrem Staatsleben einen kontinentalen
Zug, der freilich nicht von entscheidender Bedeutung werden konnte, da sie
mit dem anderen Gesicht ihres Januskopfes in das freie große Weltmeer schauen.
Immerhin hat England durch seine mittelbare
oder unmittelbare Beteiligung an allen
großen europäischen Kriegen seine fest
ländischen Interessen bezeugt.
Meerengen und Landengen. Von
besonderer Bedeutung ist die Lage
eines Staates an solchen Stellen der
Landoberfläche, durch die die natürlichen
Verbindungsstraßen zwischen
wichtigen Meeren oder Meeresteilen führen,an
Meerengen und Landengen.
Dänemarks Lage am Ausgangstor der
Ostsee ermöglichte dem kleinen Staate