Full text : Weltwirtschaftliche und politische Erdkunde

Il. DIE ÄUSSEREN MERKMALE DES STAATES 253
zuzeiten hohe politische Machtentfaltung. — Das zähe Ringen der Türkei
um den Besitz des Bosporus und der Dardanellen hat seine Ursache in der
machtpolitischen Bedeutung dieses Besitzes. — Spanien würde im Rate der
Völker ein viel stärkeres Gewicht haben, wenn es die Macht zur Beherrschung
der Straße von Gibraltar aufzubringen vermöchte,. — England hat seine 0zeanische
 Stellung und zugleich seine politische Macht wesentlich verstärkt, indem
es nicht nur die Straße von Calais, sondern auch viele andere, für die Sicherung
 seines in aller Welt liegenden Besitzes wichtige Meeresstraßen unter seine
Herrschaft brachte. (Vgl. auch S. 205£ u. 269.)
Der Besitz wichtiger Landengen ist für einen Staat dadurch
vorteilhaft, daß er nicht nur den Landverkehr über diese hinweg überwachen
 kann, sondern auch die Möglichkeit hat, künstliche Wasserstraßen
 von weittragender Bedeutung zu schaffen und zu kontrollieren.
Es ist bezeichnend, daß auf die beiden wichtigsten Landengen der Erde,
auf die von Sues und die von Panama, die beiden derzeit mächtigsten
Staaten der Welt die Hand gelegt haben. England eroberte, um den Suesweg
zu beherrschen, Ägypten; die Union erwarb von der unter ihrer Mithilfe erst
entstandenen kleinen Republik Panama die sogenannte „Kanalzone“, die es
durch die allmähliche politische Einkreisung des amerikanischen Mittelmeeres
immer mehr zu sichern sucht.
Auch wo diese Isthmuslage nicht so ausgeprägt vorhanden, ist
die Lage an zwei gegenüberliegenden Meeren namentlich in wirtschaftlicher
 Hinsicht vorteilhaft. Man denke an die Lage Frankreichs
zwischen Atlantischem Ozean und Mittelmeer oder an die der Union,
der Mittelamerikanischen Staaten und Kolumbiens zwischen Atlantischem
 und Pazifischem Ozean.
Die Lage der Staaten zu anderen Staaten (politische Lage).
Je mehr Nachbarn ein Staat hat, desto größerer Gefahr ist er ausgesetzt,
 solange nicht ein ewiger Völkerfriede diese beseitigt. Staaten
von mehr oder weniger kontinentalem Charakter sind demnach in der
Regel in ungünstigerer Lage als Seestaaten. Freilich kommt es dabei
nicht allein auf die Zahl, sondern auch auf die Größe und die Machtmittel
 der Nachbarstaaten an. Außerdem bestimmen Rassenfragen
und wirtschaftliche Interessen, ob das gegenseitige Verhältnis ein mehr
freundschaftliches oder feindliches ist.
Die Schweiz, Deutschland und Bolivien sind nachbarreiche Staaten, die
Inselstaaten England und Japan haben überhaupt keine unmittelbaren Nachbarn.
 Unter Umständen kann Nachbarreichtum ein Schutz sein, indem der
eine Staat darüber wacht, daß der andere den dazwischenliegenden Staat nicht
schädigt. Unter solchem Schutz steht die Schweiz zwischen ihren vielen mächtigen
 Anliegern, stand bisher Afghanistan zwischen Rußland und England.
Wenn allerdings sich die Nachbarn zur Vernichtung des eingeschlossenen
Staates verbinden, wächst die Gefahr im. Verhältnis zur Zahl der Nachbarn.
So erlag das alte Polen dem Druck dreier benachbarter Großmächte, so Deutsch-Jand
 der Einkreisungspolitik seiner Feinde, so drohte Persien eine Zeitlang
die Aufteilung zwischen England und Rußland (englisch-russischer Teilungsvertrag
 von 1907 !}.
Nachbarreiche Staaten stehen gleichsam unter einem dauernden
Druck, und es kommt darauf an, ob sie diesem einen genügenden
Gegendruck entgegensetzen können. Man hat versucht, diesen Zustand
in einem einfachen mathematischen Verhältnis auszudrücken, indem
            
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