Gegenstand und Stellung der Bevölkerungslehre 3
spielen. Unter Erklärung als wesentlichem Bestandteil wissenschaft-
lich-theoretischer Forschung, ist hier mit Jevons!) verstanden, daß
eine Tatsache mit einer anderen oder mit einem Gesetz in Einklang
gebracht wird: die betreffende Erscheinung wird zu anderen in Be-
ziehung gesetzt oder auf bereits anerkannte Grundsätze und Er-
kenntnisse zurückgeführt. Für den ersteren Fall, daß zwei Er-
scheinungen miteinander in innere Beziehungen gebracht werden,
diene als Beispiel, daß man vielleicht die Zusammenhänge feststellen
will, die in einem Lande zwischen Volkswachstum und Lohnent-
wicklung oder zwischen Wanderbewegung und Grundbesitzverteilung
vorhanden sind. Für den zweiten Fall, der Zurückführung einer Er-
scheinung auf bereits anerkannte Grundsätze und Erkenntnisse, sei
auf den Versuch hingewiesen, den neuzeitlichen Geburtenrückgang
auf das von H. Spencer aufgestellte Gesetz zurückzuführen, daß
Individuation und Fortpflanzung notwendig gegensätzliche Vorgänge
seien.
Demgegenüber hat es die Bevölkerungspolitik, die in ge-
wissem Sinne angewandte Bevölkerungstheorie ist, mit all denjenigen
Maßnahmen zu tun, die geeignet sind, den Stand und die Ent-
wicklung der Bevölkerung in einem gewissen Sinne zu beeinflussen.
Wie vielerlei Maßnahmen wirtschaftlicher und sozialpolitischer Natur
zu diesem Gebiet der Bevölkerungspolitik gehören, werden wir
später noch sehen, wenn auch dieser Frage kein besonderer Abschnitt
gewidmet ist.
Wenn in der eben dargelegten Weise die Bevölkerungslehre,
rein äußerlich gesehen, in die drei Teile: Bevölkerungsstatistik, Be-
völkerungstheorie und Bevölkerungspolitik zerfällt, so sind diese drei
Teile, wie schon G. Rümelin hervorgehoben hat ?), keineswegs
einander koordiniert. Vor allem die Bevölkerungsstatistik
ist, wie schon betont, in diesem Rahmen durchaus als Hilfswissen-
Schaft zu betrachten, „die das Material für die ganze Untersuchung
bietet, ähnlich wie die Quellenforschung der Geschichtsschreibung
nicht gleich, sondern untergeordnet ist, aber freilich nur so unter-
geordnet, wie die Dienerin, die mit der Fakel voranleuchtet ohne
deren Hilfe kein sicherer Tritt zu machen wäre“.
Für die Bevölkerungslehre als einer erklärenden Wissenschaft
ist also die Bevölkerungsstatistik ebenso nur methodisches Hilfsmittel,
wie es die geschichtliche Betrachtung dabei ist. Das ist auch der
') Jevons, Leitfaden der Logik, 1906, S. 277.
?) Bevölkerungslehre. Im Handbuch der Politischen Ökonomie, herausgegeben
von Schönberg, 4. Aufl. 1896, S. 82a.