4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 1 23
hier Fehlerquellen vorliegen, die man nicht unterschätzen darf, Es
handelt ‘sich zunächst darum, daß alle vor der Taufe gestorbenen
Kinder fehlen und deren Zahl mag bei der damaligen hohen Kinder-
sterblichkeit keineswegs gering gewesen sein. Wenn wir z. B. sehen,
daß im deutschen Reiche im Jahre 1913 von 1000 Neugeborenen
50 im I. Lebensmonat gestorben sind, so müssen wir jedenfalls für
ältere Zeiten einen wesentlich höheren Satz, mindestens das Doppelte,
vielleicht auch das Dreifache, annehmen. Hinzu kommt noch, daß
in älterer Zeit weit mehr Zweit- und Drittheiraten als heute statt-
fanden, daß also viel mehr Ehen zustande kamen, deren Fruchtbarkeit
geringer war, als die von Erstheiraten. Schon allein die Tatsache,
daß die Witwen von Handwerkern in der Regel ihr Gewerbe nicht
allein fortsetzen durften und daß im späterer Zeit ein Geselle nur
dann in die Zunft aufgenommen wurde, wenn er die Tochter oder
Witwe eines Meisters geheiratet hatte, mußte auf eine Zunahme der
Zweit- und Drittheiraten hinwirken. Bei A. Schulte lesen wir:
„Wir kennen viele Beispiele von Wiederverheiratung, von drei, ja
vier Ehen desselben Mannes oder derselben Frau, wir haben sehr
viele Beweise für außerordentliche Fruchtbarkeit der Ehen“*). Er
hebt auch hervor, daß im Mittelalter eine Kinderfrequenz von 4 Köpfen
pro Ehe nicht im entferntesten ausgereicht haben würde, den da-
maligen Bevölkerungsstand bei der in jener Zeit herrschenden hohen
Sterblichkeit aufrecht zu erhalten. Burckhardt teilt auf Grund
seines Materials ebenfalls mit, daß Männer, die vier- und fünfmal
geheiratet hätten, nichts seltenes gewesen seien”), Fahlbeck teilt
mit, daß von 825 Ehen ausgestorbener Adelsgeschlechter 17,7 %
Wiederheiraten gewesen seien, also wesentlich mehr als in der Gegen-
wart®). Auch im Laufe des 10. Jahrhunderts kann man feststellen,
daß die Wiederheiraten in neuerer Zeit. sich vermindert haben. In
der Schweiz waren von 1000 Heiraten erste Heiraten in den
Jahren
1811— 1820
1851—1860
1881— 1800
weiblich
831 871
836 933
Sa8 954
männlich
1) A. Schulte, Der Adel u. d. deutsche Kirche i. Mittelalter, 1910 S. 259.
2) A. Burckhardt, Demographie u. Epidemologie d. Stadt Basel während d
letzten 3 Jahrhunderte, 1908, S. 15. — Freilich sind die von ihm mitgeteilten Ge-
burtenziffern unwahrscheinlich niedrig.
3) P. E. Fahlbeck, Der Adel Schwedens, 1003, 5. 227.