Full text: Bevölkerungslehre

Erster geschichtlicher Teil 
Den Arbeiten von Kemmerich ist zu entnehmen, daß unter 
den deutschen Kaisern durchschnittlich auf jeden Ehemann 1,5 Ehe- 
frauen gekommen sind *). 
Es ist einleuchtend, daß die Zahl der Geborenen, auf die Zahl 
der Eheschließungen berechnet, umso höher sein muß, je größer 
der Anteil der Erstheiraten unter allen Eheschließungen ist. Dem- 
gegenüber ist hervorzuheben, daß die auf anderen Grundlagen be- 
rechnete Geburtenhäufigkeit, vor allem die allgemeine Geburtenziffer, 
nicht unerheblich höhere Zahlen ergeben hat. Man wird dieser Be- 
rechnung also eine größere Beweiskraft für die ältere Zeit zuerkennen 
müssen als dem zahlenmäßigen Verhältnis der Geborenen und Ehe- 
schließungen. Man hat auch schon gemeint, — ob mit Recht oder 
Unrecht, sei an dieser Stelle nicht entschieden — daß die geringe 
mittelalterliche Kinderzahl nur etwas scheinbares sei und daß dies 
damit zusammenhinge, daß ein Teil der Knaben schon in recht 
jugendlichem Alter in den Haushalt des Lehrmeisters überträte und 
dann eben in den Listen nicht mehr unter der Rubrik „Kind“, 
sondern als Lehrling, Knecht u. dgl. erscheine. Säuglinge seien 
oft zu den Ammen auf das Land gekommen, wo sie bis zum 5. oder 
6. Jahr geblieben seien %. Ganz gleichviel, in welchem Maße diese 
Argumente zutreffen, so handelt es sich hierbei jedenfalls um eine 
Tatsache, welche die Unsicherheit der älteren Angaben über diese 
Frage nur noch verstärkt. 
e) Die Sterblichkeit. Es gibt nur eine Meinung darüber, 
daß im Mittelalter, aber auch noch bis zum Ausgang des 18, Jahr- 
hunderts, die Sterblichkeit allenthalben sehr groß und sehr beträcht- 
lichen Schwankungen unterworfen gewesen ist. Statistisches Material 
ist dafür in großem Ausmaße vorhanden und ist auch bereits in 
einwandfreier Form verarbeitet ?). Diese hohe Sterblichkeit beruhte 
nicht nur auf den schlechten hygienischen Zuständen der früheren 
Jahrhunderte, sie beruhte auch auf den zahlreichen, immer wieder- 
kehrenden Kriegen und Fehden und der häufigen Wiederkehr von 
Seuchen und Hungersnöten. So hat man den schlechten Gesundheits- 
1!) Kemmerich, Die Lebensdauer u. d. Todesursachen innerhalb d. deutschen 
Kaiser- u. Königsfamilien in A. v. Lindheim, Saluti senectutis, 1909, S. 1093. 
% A. Doren, Besprechung von Buomberger, Histor, Viert., Bd. 4, S. 413. 
% Wernicke, a. a. 0. — Dazu ferner H. Westergaard, Die Lehre v. d. 
Mortalität und Morbidität, 1901, S. 253f. — F. Prinzing, Handbuch d. med, 
Statistik, 1906. — Derselbe, Die Sterblichkeit in d. bürgerl. Bevölkerung Deutsch- 
lands seit den Zeiten d. Karolinger, In „Saluti senectutis‘‘, a. a. O. — Ferner 
M. Kemmerich, a. a. 0.
	        
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