Full text : Bevölkerungslehre

‘KA

Erster geschichtlicher Teil

der Bevölkerung dahin wirksam sei, daß sich die Zahl der Menschen
alle 25 Jahre verdoppele, also in geometrischer Progression zunehme,
wenn keine Hemmnisse in Wirksamkeit träten. Demgegenüber sei
die Möglichkeit, die Produktion an Nahrungsmitteln zu steigern, eine
viel geringere, sie könne sich unter den günstigsten Voraussetzungen
aur in arithmetischer Progression vermehren. Rümelin hat gezeigt”),
daß die statistische Begründung welche Malthus dafür beigebracht
hat, falsch ist; denn wir dürfen bei der Vermehrungsmöglichkeit des
Menschen nicht von der ganzen Bevölkerung, sondern nur von der
Zahl der in fruchtbarem Alter stehenden Frauen ausgehen. Tut
man dies, dann beträgt nach den Berechnungen Rümelins bei
einer Zahl von 4 Kindern pro Ehe die Verdoppelungsperiode der
Bevölkerung nicht 25 Jahre, wie Malthus meinte, sondern
{39 Jahre. Dieser Einwand ist durchaus richtig, hier hat Malthus
einen Fehler begangen. Freilich ist dieser Irrtum für die prinzipielle
Geltung und Bedeutung seiner Lehre unwesentlich; denn diese
Gegenüberstellung, zu der Malthus mit dieser Vermehrungstendenz
der Bevölkerung und der Vermehrungsmöglichkeit der Nahrungsmittel
 kommt, hat nur mehr illustrative Bedeutung, um den Gegensatz
 besonders deutlich hervortreten zu lassen. Jedenfalls wird dadurch
 der Grundgedanke seiner Lehre, daß die Volkszahl die beständige
 Tendenz habe, stärker zu wachsen, als die Menge der
Nahrungsmittel, ebensowenig aufgehoben, wie die Folgerungen, die
ar daraus gezogen hat. Nach Malthus sind diese Hemmnisse
dauernd wirksam und deshalb ist für ihn eine dauernde Übervölkerung
 etwas und@nkbares; denn diese Hemmnisse sind stark
genug, die Volkszahl immer wieder der Größe des Nahrungsspielraums
 anzupassen. Für die weitere Entwicklung hat Malthus,
was so oft übersehen wird, mit einem Stillstand der Bevölkerung
 gerechnet. In dem 10. Kap. des III. Buches spricht
er von den praktischen Grenzen der Volksvermehrung, die hinter
der äußersten Fähigkeit der Erde, Nahrungsmittel zu erzeugen, zurückbleiben
 müsse. Er fügt noch hinzu, daß es jedoch von großer
Wichtigkeit sei, sich daran zu erinnern, daß lange bevor diese
praktische Grenze in einem Lande erreicht sei, das Zunahmeverhältnis
der Bevölkerung sich allmählich verringern werde.
Malthus hat sein Bevölkerungsgesetz als ein Naturgesetz
hingestellt. „Seit Beginn der Welt“, sagt er einmal. „sind die Ur-’)

 G. Rümelin, Über die Malthus’schen Lehren. Reden u. Aufsätze, 1875
3. 305 ff.
            
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