5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrh. 163
hat an keinerlei Zukunftsmöglichkeiten dabei gedacht, sondern daran,
daß dauernd ein solches Spannungsverhältnis zwischen Nahrungsspielraum
und Volkszahl in der Tendenz besteht, Denn er war der
Meinung, daß die Bevölkerung unwandelbar da wachse, wo die
Subsistenzmittel sich vermehren, wenn dem nicht bestimmte Hemmnisse
entgegenwirken. Er hat also die Auffassung vertreten, daß in
der Tendenz jede Erweiterung des Nahrungsspielraumes zu einer
Volkszunahme führen werde; dieser Punkt gehört zu den wichtigsten
Bestandteilen seiner Lehre. Er hat zwar hie und da auch betont,
daß auch das Wachstum der Bevölkerung wirtschaftsfördernd wirken
könne, er hat jedoch diesem Zusammenhang und damit der engen
Wechselwirkung zwischen Nahrungsspielraum und Volkszahl nur
eine relativ geringe Bedeutung beigemessen, Der Satz von Malthus,
daß die Bevölkerung die dauernde Tendenz habe, sich über die
Menge der Subsistenzmittel hinaus zu vermehren, hat jedoch bei
ihm nur bedingte Geltung. Er baut zunächt dabei auf zwei
Naturtatsachen auf, einmal auf der Geschlechtsliebe und dann auf
dem Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag, die beide gewissermaßen
als Konstante auf das Verhältnis von Nahrungsspielraum und
Volkszahl einwirken. Aber dem seiner Meinung nach konstant
wirkenden Einfluß der Geschlechtsliebe auf das Volkswachstum
stehen die oben dargelegten Hemmnisse entgegen. Wo sie wirksam
sind, treten damit der beständigen Tendenz des Volkswachstums,
den Nahrungsspielraum auszufüllen, Gegenwirkungen entgegen. Diese
stete Tendenz zur Volkszunahme über die Unterhaltsmittel hinaus
ist also nur bedingt. In einem Briefe an Senior hat Malthus
von dem Ausdruck „Tendenz“ gesagt: „Was ich mit dem von Ihnen
beanstandeten Ausdruck sagen wollte, war, daß die Bevölkerung
stets bereit und dazu geneigt ist, sich schneller zu vermehren, als
die Nahrungsmittel es tun, so bald die sie zurückdrängenden Hemmnisse
beseitigt sind“ ?).
Malthus vertrat die Meinung, daß diese Vermehrungstendenz
A. Flatow, Die Entwicklung u. Wandlungen d. Malthus’schen Ansichten i. d. sechs
Auflagen seines Essays, Diss., Frankfurt a. M., 1924. — W. Köhler, Die sozialwissenschaftliche
Grundlage und Struktur der Malthus’schen Bevölkerungslehre,
Schmollers Jahrb., Jahrg, 46, ı922. — Oppenheimer, Zum Malthusproblem,
Arch. f. Soz., Bd. 35, 1012. — K, Seutemann, Die Wechselwirkung zwischen
wirtschaftlicher u. Bevölkerungsentfaltung nach Malthus, Schmoll. Jahrb., Jahrg. 43. —
H. Nebelung, Die Malthus’sche Revölkerungslehre. Versuch einer Interpretation.
Diss., Gießen 1928.
N, W. Senior, Two lectures on population ... To which is added a
corresnondance between the author and the Rev. T. R. Malthus, London 1828.
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