Full text : Bevölkerungslehre

5. Kap. Wirtschaftliche und soziale Zustände am Ausgang des 18. Jahrh. 167

gesetze haben offenbar dazu beigetragen, den Preis der Lebensmittel
zu erhöhen und den Warenpreis der Arbeit herabzusetzen. Sie haben
also zur Verarmung derjenigen Klasse von Menschen beigetragen,
deren einziger Besitz die Arbeit ist.“ „Die englischen Armengesetze
wurden unzweifelhaft in der wohlwollendsten Absicht gegeben, aber
sie haben ihren Zweck offenbar verfehlt“ ?).
Malthus stand auch der Möglichkeit, die Lage der Arbeiterklasse
 zu bessern, ebenso wie der Möglichkeit eines weiteren Volkswachstums
 keineswegs skeptisch gegenüber, Über die erstere Tatsache
 hat er gesagt: „Die Aufgabe Derjenigen, welche die Lage der
unteren Klassen aufrichtig zu verbessern wünschen, besteht darin,
das Verhältnis zwischen dem Arbeitslohn und den Preisen der
Lebensmittel so zu steigern, daß der Arbeiter imstande ist, sich
einen größeren Anteil an den Notwendigkeiten und Annehmlichkeiten
 des Lebens zu verschaffen. Bisher hat man dieses Ziel hauptsächlich
 durch Unterstützung der verheirateten Armen zu erreichen
gesucht, mithin durch Vermehrung der Arbeitskraft, durch Überüllung
 des Marktes mit einer Ware, die man gleichwohl, wie man
versichert, teurer wünscht“ ?). Daß Malthus sogar ein Freund eines
weiteren Volkswachstums war und ein solches für durchaus möglich
hielt, geht aus zahlreichen Stellen seiner Werke hervor. Hat er doch
selbst einmal gesagt: „Es ist eine ganz irrige Auffassung meines
Arguments, zu schließen, daß ich ein Feind der Volksvermehrung
sei. Ich bin lediglich ein Feind des Lasters und des Elends und
mithin der ungünstigen Verhältnisse zwischen der Bevölkerung und
den Nahrungsmitteln, welche diese Übelstände hervorbringt. Dieses
ungünstige Verhältnis hat aber keinen notwendigen Zusammenhang
mit der absoluten Menge der Bevölkerung, welche ein Land enthalten
 kann. Im Gegenteil, es wird häufiger in dünn bevölkerten
Ländern gefunden, als in dicht bevölkerten‘“*%. Die Fähigkeit der
Erde, Nahrungsmittel hervorzubringen, ist aber für Malthus nicht
unbegrenzt, sondern nur unbestimmbar, „und vielleicht kommt die
Zeit niemals, wo man sagen kann, daß keine fernere Arbeit oder
Geistesanstrengung der Menschen eine weitere Produktion erzielen
könne“. Er hält also das Volkswachstum für erstrebenswert, nur
muß es sich innerhalb der Grenzen halten, welche das Wachstum
des Nahrungsspielraumes zieht. Diese Tatsache hat er besonders
deutlich in seinem Briefwechsel mit Senior ausgesprochen. Gerade

1) a, a O., S. 476/79.
? a. a, O., S. 648.
Ya. u OO, S. 775.
            
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