Full text : Bevölkerungslehre

‘70

Erster geschichtlicher Teil

hat; denn er war ein recht unklarer Schriftsteller und vor allem
sein Buch über das Bevölkerungsgesetz ist nicht frei von Widersprüchen.
 Damit hängt es auch zusammen, daß seine Lehren so
verschiedenartige Deutungen und Auslegungen erfahren haben. Es
ist aber im höchsten Grade ungerecht, wenn man — wie es Marx
getan hat — sein Werk als ein schülerhaftes, oberflächliches und
pfäffisch vordeklamiertes Plagiat, oder — wie Oppenheimer es
getan hat — als das Plädoyer eines Klassenadvokaten bezeichnet.
Derartige Anwürfe, die nichts anderes sind, als der Ausdruck einer
alle Objektivität entbehrenden, andersartigen politischen und gesellschaftlichen
 Einstellung, stehen in scharfem Widerspruch zu dem,
was Malthus wirklich gelehrt und gewollt hat. „Klassenadvokaten“
pflegen die sozialen Zustände ihrer Zeit nicht so grau in grau zu
malen, wie Malthus es getan hat, sie pflegen vielmehr diese Mißstände
 abzuleugnen oder wenigstens zu beschönigen. Das hat wahrlich
 Malthus nicht getan, denn die Not und das Elend seiner Zeit
haben gerade für ihn den Ausgangs- und Mittelpunkt seiner ganzen
Untersuchungen gebildet.

Sechstes Kapitel.
Wirtschaft und Bevölkerung vom Beginn des ı9. Jahrhunderts
bis zur Gegenwart.
Die Lehren von Malthus waren in erster Linie aus der ungünstigen
 wirtschaftlichen und sozialen Lage seiner Zeit heraus zu
verstehen. Die Fortdauer dieser ungünstigen Verhältnisse bewirkte
es auch, daß seine Lehren in den nächsten Jahrzehnten noch einen
so gewaltigen Einfluß ausgeübt haben und daß sich auch vielfach
die staatliche Politik nach den von ihm betonten Grundsätzen getichtet
 hat.
Es sind zahlreiche Ursachen, aus denen die Fortdauer dieser
ungünstigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu erklären
ist. Zunächst sind die gleichen Faktoren dabei wirksam gewesen,
die wir auch für das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts kennen gelernt
 haben. Die Umwälzungen in den Produktionsverhältnissen
dauerten fort; die Frauen- und Kinderarbeit nahm auch noch vielerorts
 in den ersten Jahrzehnten des 10. Jahrhunderts weiterhin zu,
die Arbeitszeit war überaus lang, die Löhne waren sehr niedet, es
gab noch keinen staatlichen Arbeiterschutz, es gab noch keine Gewerkvereine,
 die günstig auf die Arbeitsverhältnisse einzuwirken imstande
 gewesen wären. Dazu kamen die zahlreichen schweren
            
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