7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 209
sammenhängen viel realistischer gegenüber und vertritt Anschau-
ungen, die sich in hohem Maße mit der neueren Gestaltung des
Volkswachstums decken. Er weist nämlich mit allem Nachdruck
darauf hin, daß mit fortschreitender Zivilisation immer mehr rationale
Erwägungen für die Geburtenhäufigkeit bestimmend würden und
deshalb damit zu rechnen sei, daß in Zukunft die Fruchtbarkeit viel
geringer sein werde. Er hat auch bereits darauf aufmerksam ge-
macht, daß für diese Beschränkung der Kinderzahl der Wunsch, auf
der sozialen Stufenleiter emporzusteigen, eine wesentliche. Rolle
spiele. Er hat auch noch auf zahlreiche andere Momente hinge-
wiesen, die in Zukunft nach der gleichen Richtung hin wirksam
sein würden. Eine ähnliche Auffassung vertrat auch Senior; wenn
er die Möglichkeit einer Übervölkerung aus dem Grunde ausscheidet,
weil mit fortschreitender Zivilisation rationale Momente wirksam
würden, die einer zu starken Vermehrung der Bevölkerung entgegen-
wirken müßten *).
Die stärkste Ausprägung haben diese optimistischen Anschau-
ungen bei dem Ametikaner H. Ch. Carey und dem Franzosen
F. Bastiat erfahren. Hier finden sich auch z. T. neue Argumente
gegenüber Malthus. Es sind bei Carey namentlich zwei Ge-
dankenreihen, die ihn zu einem der schärfsten Gegner der Malthus’-
schen Lehre gemacht haben. Einmal handelt es sich um seine
religiös deistische Einstellung, um den Glauben an eine prästabilierte
Harmonie, den er mit den eben besprochenen Schriftstellern gemein-
3am hat. Er hat seinem Hauptwerk?) als Motto die Worte Keplers
vorausgehen lassen: „Das Weltgebäude ist ein harmonisches Ganze
und Gott ist dessen Seele, Er ist die höchste Harmonie und allen
Seelen hat er eine eigene innere Harmonie als sein Bild aufgedrückt.
Die Zahlen, die Figuren, die Gestirne, die Natur überhaupt, harmo-
nieren mit den Geheimnissen der heiligen Religion.“ Mit einer
solchen Anschauung konnte sich freilich eine so pessimistische
Lehre, wie sie Malthus aufstellte, nicht vertragen. Aber abgesehen
davon müssen wir bei der. Beurteilung von Carey auch daran
denken, daß er damals in Amerika in Verhältnissen lebte, unter
denen eine Volksvermehrung die unentbehrliche Voraussetzung jedes
wirtschaftlichen Fortschrittes war, unter denen jeder neu hinzu-
kommende Mensch eine relativ stärkere Ausnützung der natürlichen
') Two lectures on population, a, a, O,
?) Die Grundlagen der Sozialwissenschaft, 3 Bde., Deutsch 1863. — Vgl. dazu
auch J. Hanstein, Das Bevölkerungsproblem bei H. C. Carey, Fr. Bastiat u. F. List,
Diss., Gießen 1927.
Diehl-Mombert. Grundrisse. Bd. ıs.