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Kowalewsky‘*) schreibt der Bevölkerung bezüglich der Auf-
einanderfolge der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse
„die hauptsächlichste Bedeutung“ zu. F. v. Raumer®) bezeichnet
als die wichtigste der tatsächlich treibenden Kräfte „das Steigen der
Bevölkerung und das Drängen nach erhöhter Produktion“. W.
Schmidt?) hebt mit Nachdruck den gleichen Zusammenhang hervor,
wenn er schreibt: „Wohin man also blicken mag, von allen Seiten
her offenbart sich die ungeheuere Wichtigkeit der steigenden Volks-
zahl für die Steigerung des Kulturfortschritts“. „Alle Umstände,
welche den Zusammenschluß größerer Menschenmassen verhindern,
sind darum auch ein Hindernis für höhere Kulturentwicklung.“ Bei
H. Schurtz“) lesen wir: „Man kann es ohne weiteres aussprechen,
daß einer der Hauptgründe, der die tiefer stehenden Völker* von
jedem Aufschwung abhält, die geringe Zahl ihrer Mitglieder ist, die
wieder unmittelbar aus der geringen Intensität der Bodennutzung
folgt“. „Innerhalb des Volkes wieder ermöglicht die Menge der
Individuen eine immer ausgiebigere Teilung der Arbeit. Mit dieser
Arbeitsteilung parallel geht die Entstehung höherer gesellschaftlicher
Schichten, die dank dem Umstande, daß sie von ermüdender und
körperlicher Arbeit entlastet sind, nunmehr sich dem eigentlichen
geistigen Fortschritt zu widmen vermögen und gleichzeitig die
Pflege feiner sozialer Instinkte übernehmen ..... Mit der wachsenden
Zahl ändert sich auch naturgemäß die gesellschaftliche Struktur des
Volkes, das Hordenwesen und die Clanverfassung machen dem
Staate Platz, der sich num wieder aus der ihm zur Verfügung
stehenden Menschenmenge seine Organe bildet. Und wenn die
große Volkszahl die notwendige Grundlage der Kultur ist, so.ist ihr
beständiges Anwachsen gleichzeitig ein Ansporn zu weiterem Fort-
schritt.“ Vierkandt®) hat darauf hingewiesen, daß sich bei be-
stimmten Völkern, wie bei den Eskimos und den Melanesiern, deut-
lich beobachten lasse, daß der durch die Übervölkerung entstehende
Druck bestimmte wichtige Fortschritte erzwungen habe. Bei den
ersteren haben unter diesem Druck die nautischen Leistungen einen
1. Kap. Das Problem
') Die ökonomische Entwicklung Europas bis zum Beginn der kapitalistischen
Wirtschaftsform, Bd. ı, 1901, S. 50.
3 Fo Raumer, Die Insel Wollin und das Seebad Misdroy 1851. — Zit.
aach G. v. Below, Die deutsche Geschichtsschreibung' von den Befreiungskriegen bis
zur Gegenwart, 2. Aufl., 1924, S. 163.
3 Schmidt u. Koppers, Der Mensch aller Zeiten. 3. Bd., ı. Teil, Gesell-
schaft und Wirtschaft der Völker, 1924, S. 54ff.
*) Urgeschichte der Kultur, 1900, S. 40/41.
5) Die Stetigkeit im Kulturwandel, 1908, S. 34.