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Erster geschichtlicher Teil
erheblichen Aufschwung erfahren. Von Fahlbeck*) rührt der
Satz her: „Die Bevölkerungszunahme, obwohl in älteren Zeiten durch
Krankheiten und Kriege stark zurückgehalten, ist die stärkste Trieb-
feder in der Geschichte der Menschheit gewesen“.
Andere drücken diesen Zusammenhang etwas vorsichtiger aus.
So meint Sombart?), daß die Bevölkerungsvermehrung immer nur
die „Veranlassung“ zu entscheidenden Handlungen sein kann. Die
Bevölkerungsvermehrung kann wohl zur Ersinnung neuer Wirtschafts-
weisen führen und dadurch einen wesentlichen Einfluß auf den Gang
der Geschichte ausüben. Sie kann aber auch ohne jede solche
Wirkung bleiben, wie Sombart im Hinblick auf China und Indien
meint, „wo die Bevölkerungszunahme nichts als Überfüllung und
Elend erzeugt hat“ Für Penck®) ist die natürliche Vermehrung
der Menschen die Ursache, die zur Verkleinerung der Nährfläche
und damit zur Kulturarbeit drängt und dort zur Verdichtung führt,
wo die durch die geographische Lage bedingte Gunst der klima-
tischen Verhältnisse es gestattet. Schumpeter*) dagegen hat dem
Volkswachstum für die gesellschaftliche Entwicklung nur die „Natur
siner Zwischenursache“ zuerkennen wollen.
Eine besonders große Rolle dagegen spielt für die ganze Ent-
wicklung das Moment der Bevölkerung bei den Vertretern der
Sozialbiologie. „Zunehmende Volksdichtigkeit hingegen zwingt zur
Anspannung der gegebenen Kräfte und wirkt so als Fortschritts-
ferment. Es gibt nichts, was für das Aufkommen, Sichbehaupten
und Niedergehen der Völker von so großem Belang ist, wie jene
Anschauungen und Sitten, von denen das Maß der Volksvermehrung
abhängt“ ®).
Eine etwas andere Form nehmen diese Zusammenhänge bei
jenen an, die in dem Volkswachstum nicht die alleintreibende Ur-
sache, sondern die unentbehrliche Voraussetzung des wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Fortschritts sehen, und dann auf dieser Grund-
lage die Beziehungen zwischen Volkszahl, Volkswachstum und wirtschaft-
licher Entwicklung untersuchen. Es ist auch ein ganz wesentlicher Unter-
schied, ob man in einer Erscheinung die Ursache oder nur die Be-
dingung dafür erblickt, daß sich eine bestimmte Entwicklung voll-
1) Die Klassen und die Gesellschaft, 1922, S. 115.
?) Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus, ı. Halbbd., 1927, S. 8.
°) Klima, Boden und Mensch. Schmollers Jahrbuch, Jahrg. 31, 1907, S. 148.
‘) G. v. Schmoller und die Probleme von heute. Schmollers Jahrbuch,
fahrg. 50, S. 386.
5) Schallmayer, Vererbung und Auslese, 3. Aufl,, 1918, S. 213.