7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 213
der gleiche Gedanke, den damals wohl am deutlichsten Thornton
ausgesprochen hat, wenn er meinte, daß bei der arbeitenden Klasse
durch eine Steigerung des Wohlstandes eine unüberwindliche Scheu
vor dem Hinabsteigen in schlechtere Verhältnisse entwickelt werden
müsse ?). Deshalb wendet sich Bastiat vor allem gegen Malthus,
weil dieser den positiven Hemmnissen gegenüber den vorbeugenden
eine viel zu große Bedeutung beigelegt habe.
Auch die übrigen Vertreter der Manchesterschule, hauptsächlich
auch in Deutschland, haben eine ähnliche Auffassung gehabt. M. Wirth?)
war der Meinung, daß der eine Faktor der Gütererzeugung „die Natur
mit ihren Stoffen und Kräften, den Boden eingerechnet, in unbe-
grenzter Fülle vorhanden“ sei. Hierbei läge also kein Problem vor.
„Die Arbeit“, so führt er weiter aus, „oder vielmehr die Arbeitskraft
vergrößert sich vollkommen in demselben Maße, wie die Bevölkerung.
Es fragt sich nur noch, ob das Kapital sich ebenso in geometrischer
Progression vermehren kann. Wenn dies der Fall ist, dann ist die
Möglichkeit gegeben, die Lebensmittel in der gleichen Weise zu
vervielfachen, wie die Menschen. Nun kann das Kapital bei dem
gegenwärtigen Standpunkt der Produktion der zivilisierten Länder
in zehn bis fünfundzwanzig Jahren leicht verdoppelt werden.“ Wirth
hat darin recht — es wird davon später noch eingehender die Rede
sein —, daß dem Kapitalvorrat und dem Umfang der Kapital-
bildung eine wesentliche Rolle für die Größe des Nahrungsspiel-
raumes zukommt. Er hat jedoch viel zu wenig Rücksicht darauf
genommen, daß die Gaben des Bodens wirtschaftlich nicht in be-
liebiger Menge zur Verfügung stehen und daß von dem Ertrag des
Bodens auch die Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit und das Maß
der Kapitalneubildung in hohem Maße abhängt. Auf diesen Fehler
hat schon F. A. Lange hingewiesen, als er Wirth gegenüber be-
merkte: „In der Tat könnte es keinem Vernünftigen einfallen, die
Vermehrung des Kapitals durch Zins und Zinseszins wirklich als
Maßstab der Vermehrung der Subsistenzmittel hinzustellen ... Daß
aber der Kapitalzins und die Vermehrung der Subsistenzmittel eines
Volkes ganz verschiedene Dinge sind, bedarf eigentlich nur einer
Erinnerung und keines Nachweises“ 3),
Hatte Malthus das Schwergewicht seiner Betrachtungen nur
auf die Gaben der Natur gelegt und darüber nicht genügend be-
! W. Th. Thornton, Over-Population and its remedy, London 1846,
S. 384 ff.
?) Grundsätze der Nationalökonomie, 5. Aufl., 1881, 1. Bd., S, 503ff.
?) Die Arbeiterfrage, Neue Ausg., Berlin 1910, S. 56/57.