7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 229
völkerung hinausgeschoben werden, welche um so drohender wird,
je mehr Glück und Wohlstand man zu verbreiten sucht; ohne ihn
gibt es keine befriedigende Lösung der sozialen Frage“. Aber
„Dieser Übergang kann die Gefahr einer Übervölkerung hinausschieben,
aber er kann sie nicht beseitigen“). In dieser ersten
Schrift von Kautsky haben wir es mit einer Auffassung zu tun,
die in sehr besonnener Weise zu einer gewissen Synthese zwischen
den naturalistischen und gesellschaftlichen Faktoren zu kommen sucht
und deshalb auch eine gewisse Ähnlichkeit mit den Lehren von
List und Dühring aufweist, aber durch diese Synthese sogar noch
darüber hinausgeht.
In einer Schrift, die gerade ein Menschenalter später erschienen
ist %), kommt Kautsky jedoch zu einer in mancher Hinsicht anderen
Auffassung. Er sagt in dem Vorwort, daß F, A. Lange mit seinem
Vorwurf, dem Sozialismus fehle eine Theorie der Bevölkerung und
daß er dem Malthusianismus keine eigene Theorie entgegenzusetzen
habe, durchaus im Recht sei. Kautsky sagt selbst darüber: „Was
ich in sozialistischen Schriften darüber fand, auch denen von Marx
und Engels, beantwortete zum Teil nicht meine Fragen, zum Teil
schien es mir nicht genügend oder zum Teil falsch“. Das Bodengesetz
wird auch im Grundgedanken in diesem neuen Buche anerkannt.
Kautsky erklärt, nicht so kühn zu sein, es ableugnen zu
wollen. „Ich behaupte bloß, daß die besonderen Wirkungen der
kapitalistischen Produktionsweise den technischen Fortschritt in der
Theorie fördern, in der Praxis hemmen, daß sich zwischen beiden
eine immer weitere Kluft auftut, die der Sozialismus überbrücken
wird“. Er hüte sich wohl, zu erklären: „Der Mensch besitzt die
Möglichkeit, seine Nahrungsmittel bis ins Unendliche auszudehnen
und die menschliche Gesellschaft besitzt die Möglichkeit, immer
ihren Bedürfnissen entsprechend Nahrungsmittel zu beschaffen“ ®.
Seine Stellung zu dem Bodengesetz ist also keine ablehnende,
sondern, wie man schon mit Recht gesagt hat, eine solche „der
theoretischen Resignation“ *), Denn er lehnt jede Aussage über die
Entwicklungstendenzen in der Produktivität des Bodens und damit
auch der menschlichen Arbeit ab, wenn er meint, daß Arbeitsaufwand
und größere Fruchtbarkeit in den verschiedensten Richtungen
Ha, a. O,., S. 165/66.
?) Vermehrung u. Entwicklung in Natur u. Gesellschaft, 1919. -— Ferner
Malthusianismus u. Sozialismus, „Die neue Zeit“, 29. Jahrg., Bd. 1, 1911.
$) Malthusianismus, a. a. O,, S. 684/85.
4) Unshelm, a. a. O., S. 44.