7. Kap. Die Bevölkerungslehre in ihrer Entwicklung seit R. Malthus 231
ärmer zu machen“!). Es hat keinen Sinn, auf die Begründung
genauer einzugehen, die H. George diesen Sätzen gegeben hat.
Es genügt dafür der Satz: „Die Fähigkeit, Güter irgendwelcher Art
zu produzieren, ist die Fähigkeit, Unterhaltsmittel zu produzieren“,
um zu erkennen, daß er den Kern des Problems überhaupt nicht
gesehen hat und nicht weiß, daß die Produktion von Nahrungsmitteln
ökonomisch ganz anderen Gesetzen als diejenige. anderer
Güter unterliegt. Wenn George einmal sagt: „Zwanzig vereint
arbeitende Leute werden auch da, wo die Natur geizt, mehr als
zwanzigmal soviel Güter produzieren als ein Einziger an einem Orte
produzieren kann, wo die Natur überaus freigiebig ist. Je dichter die
Bevölkerung, desto größer die Teilung der Arbeit, desto bedeutender die
Ersparnisse bei der Produktion und bei der Verteilung und somit ist das
genaue Gegenteil der Malthusschen Lehre wahr“ so ist diese Wiederholung
der bereits von Carey, wenn auch viel geistvoller dargelegtem
Gesichtspunkte nichts weniger als eine Widerlegung der Gedanken,
auf denen die Lehren von Malthus und seiner Anhänger aufbauen.
In gewissen Beziehungen zu den Bodenreformern stehend ist einer
der entschiedensten Gegner der Malthus’schen Lehre F. Oppenheimer.
Er ist der Vertreter einer Art von liberalem Sozialismus,
der an der freien Konkurrenz als Triebfeder der Wirtschaft
festhält, aber die Ursachen der sozialen Not in dem privaten Monopol
am Boden erblickt und durch dessen Beseitigung die sozialen Zustände
bessern will. Es muß die Aussperrung des Grund und Bodens
durch das Großgrundeigentum den Siedelungsbedürftigen gegenüber
beseitigt werden. Deshalb wendet sich auch Oppenheimer gegen
die Malthus’schen Lehren, vor allem gegen deren Grundlage, das
Bodengesetz. Freilich ist er ein viel zu scharfer Kopf, um —
wie so viele andere Sozialreformer — dieses Gesetz einfach abzulehnen.
Er sagt vielmehr: „Die Nahrungsmittelerzeugung unterliegt nämlich
unbedingt und unbestritten dem „Gesetz der sinkenden Erträge“,
dessen Inhalt er durchaus zutreffend in der folgenden Weise umschreibt:
„Der Ertrag der landwirtschaftlichen Arbeit an Nahrungsmitteln
wächst von einem gewissen Optimum an, ceteris paribus, in
geringerem Maße als die darauf verwendeten Kosten an Energie und
kostenden Mitteln“?), Das entscheidende Gewicht legt er jedoch
auf das „ceteris paribus“. Denn die Bedingungen, unter denen der
1) Fortschritt u, Armut, Deutsch 1920, S. 115.
?) System d, Soziologie, Bd. 3. Theorie der reinen u. politischen Ökonomie,
5. Aufl., 1923, S. 263. — Vgl. dazu auch J. Wagenbach, Wirtschaft u. Bevölkerung
bei F. Oppenheimer, Diss., Gießen 1026.