1. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 245
daß große Waldungen, die bei einer größeren Zahl von Menschen
hätten gerodet und als Ackerland hätten unter den Pflug genommen
werden können, vorhanden waren; die Erscheinung zeigte sich aber
auch darin, daß sich gerade in jener Zeit aus Mangel an Atbeits-Kräften,
aber auch z. T. infolge fehlender Arbeitsenergie und Arbeitslust,
Gewerbe und Handel nur unzureichend entwickeln konnten.
Unter solchen Vorausetzungen ist es begreiflich, daß man damals so
häufig die Frage aufwarf, ‚ob ein Land mehr Menschen ernähren
könne, als es tatsächlich der Fall war. Es kam äber für jene
Zeit noch ein politischer Gesichtspunkt bei .der Erörterung dieser
Frage hinzu. Das Merkantilzeitalter war eine Periode ausgesprochensten
staatswirtschaftlichen Denkens und Wollens. Nicht
nur, daß die Einzelinteressen dem Ganzen und damit der Leitung
des Staates untergeordnet waren, man hat auch den Zweck der
gesamten Wirtschaft damals in einer möglichsten Unterstützung und
Stärkung der staatlichen Macht gesehen. „Je mehr Untertanen,
desto mehr Steuerzahler, desto mehr Soldaten.“ Von deutschen
Schriftstellern hat vielleicht Conring diesen Zusammenhang mit
am stärksten betont. Unter solch staatlichen Gesichtspunkten mußte
2s natürlich in jener Zeit als ein schwerer Mangel empfunden
werden, wenn ein Land weniger Menschen hatte, als es nach seinen
aatürlichen Bedingungen ernähren konnte.
Unter solchen Verhältnissen hat man auch in neuerer Zeit
immer wieder von Untervölkerung gesprochen. Gerstner, dem wir
neben Bülau wohl die eingehendsten Darlegungen in neuerer
Zeit über diesen Gegenstand verdanken *), wollte überall dort von
Untervölkerung sprechen, wo das Wohl eines Landes mehr Menschen
verträgt und sogar verlangt. Wenn man sich dieser Anschauung anschließt,
dann erblickt man das Kriterum der Untervölkerung darin,
ob bei größerer Volkszahl nicht der Wohlstand und damit auch die
zanze Kultur des betreffenden Landes und seiner Bewohner zunehmen
kann. An einem solchen Maßstab gemessen, würde es
lann auch noch heute Länder geben, die man als untervölkert bezeichnen
kann: Hierher gehörten dann vor allem jene Gebiete ‚die
vor noch nicht allzu langer Zeit noch kolonialartigen Charakter
:rugen, Länder mit großer Fläche, aber noch dünner Bevölkerung,
wie z. B. heute noch Kanada, Argentinien, Mexiko, Brasilien und
manche andere Staaten. „Mexiko ist ein Land von 2000000 akm
!) Die Bevölkerungslehre, 2. Bd., ı. Abt. von „Die Grundlehren d. Staats-‚erwaltung‘“,
1864, S. 176ff. — F. Bülau, Der Staat u. d. Industrie, 1824, S. 3f.