Full text : Bevölkerungslehre

244 Zweiter systemaltisch-theoretischer Teil
bei einem bestimmten Verhältnis von Volkszahl und Wirtschaft in
einem Lande eine größere Ergiebigkeit der Arbeit dadurch erzielt
werden kann, daß Änderungen in der Organisation der Wirtschaft
 und damit der menschlichen Arbeit selbst eintreten. Ein
Land, das bei einer großen Bevölkerungskapazität nur eine geringe
Bevölkerungsdichte aufweist, kann vielleicht durch gut entwickelte
Verkehrsmittel dem Bevölkerungsoptimum näher gebracht werden, als
vielleicht ein dichter besiedeltes Land, in dem unter den gleichen
wirtschaftlichen Voraussetzungen die Verkehrsmittel weniger entwickelt
 sind. Das gleiche gilt sinngemäß auch von den Erscheinungen
 der Über- und Untervölkerung, für die ebenfalls die ganze
gesellschaftliche Ordnung eine wichtige Rolle spielen kann.
Es bedarf keiner besonderen Darlegungen, daß diese gesellschaftliche
Ordnung eine große Rolle dabei spielt, in welchem Umfang die
Arbeitskraft eines Landes für die Ausnutzung von dessen Gaben
autzbar gemacht werden kann und ob die Menschen auch imstande
sind, aus der Natur das heraus zu holen, was heraus geholt werden
kann. Um welche Zusammenhänge es sich dabei im einzelnen
handelt, ist später noch darzustellen. Einstweilen kam es nur darauf
an, diese Probleme aufzurollen.
3. Die Untervölkerung. Als Genovesi, wie wir gesehen
haben, davon sprach, daß ein Land, das 5 Millionen Menschen ernähren
könne, aber nur ı Million ernähre, zu vier Fünftel „entvölkert“ (spopolato)
 sei, hat er unter Entvölkerung das verstanden, was wir heute
vielleicht als Untervölkerung bezeichnen. Immerhin werden wir heute
kaum geneigt sein, diesen Begriff so weit zu fassen, wie er es getan
 hat. Das ist schon deshalb heute unmöglich, weil in dem Zeitalter
 so stark anwachsender Industrie und so sehr zunehmenden
Handels, in einer Zeit so großer wirtschaftlicher und technischer
Fortschritte, es gar nicht möglich ist, zu sagen, ob nicht ein bestimmtes
Land noch mehr Menschen zu ernähren imstande ist — und zwar
auch bei gleicher Lebenshaltung — als im Augenblick in ihm vorhanden
 sind. An einem solchen Maßstab gemessen, müßte man
vielleicht alle Länder der Erde als untervölkert bezeichnet.
Wenn jene ältere Zeit mit einem solchen, für uns heute unbrauchbaren
 Maßstab an die Erscheinung der Untervölkerung heranging,
 so hat das besondere Gründe, die vor allem aus den damaligen
politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen heraus zu erklären sind.
Um zuerst von den letzteren zu reden, so zeigte sich in dieser
älteren Zeit die von Genovesi berührte Erscheinung der Untervölkerung
 darin, daß große Teile des Landes unbebaut da lagen oder
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.