2 48 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
einen nicht unbeträchtlichen Rückgang erfahren und die starke Einwanderung
nach Frankreich, vor allem auch von Italienern, die sich
z. T. geschlossen in bestimmten Gebieten ansiedeln, ist eine Folge
dieser Erscheinung. Unter solchen Voraussetzungen ist die Gefahr
einer langsamen Überfremdung nicht ausgeschlossen, eine Entwicklung,
die für die Nationalität und Kultur des betreffenden Landes schon
ihre bedenklichen Seiten. haben kann. Ist doch in Frankreich auch
die ländliche Bevölkerung von den Jahren 1846—1921 von 26,6 auf
20,1 Millionen (einschließlich Elsaß-Lothringen 21,0) zurückgegangen,
Während die französische Bevölkerung im Jahre 1800 noch 14,33 %
der Bevölkerung Europas ausmachte, ging dieser Anteil bis zum
Jahre 1900 auf 9,73, bis zum Jahre 1913 auf 8,4 und bis zum Jahre
1925 einschließlich Elsaß-Lothringen auf 8,0 % zurück). Man hat
für Frankreich als Wirkungen der Entvölkerung vor allem feststellen
können: „Zunehmende Erschwerung der Beschaffung ländlicher Arbeitskräfte,
Verödung der Kulturlandschaft, Entwertung der Liegenschaften,
Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion“ %. Caziot®)
berichtet von völliger Unverkäuflichkeit ländlicher Besitzungen in den
Entvölkerungsgebieten und hat für ganz Frankreich für die Periode von
1892—1900 die Entwertungssumme auf 32 Milliarden Fr. geschätzt.
Nach den Mitteilungen Bernhards hängt damit auch die erhebliche
Einwanderung aus der Schweiz zusammen, weil man sich in
Frankreich mit viel geringeren Mitteln in der Landwirtschaft selbständig
machen kann.
Es liegt auf der Hand, daß solche Wandlungen auch ihre politischen
Auswirkungen haben müssen. Gerade in Frankreich hat
man nicht zuletzt diesen Zusammenhang immer wieder betont, aber
auch in anderen Ländern hat man häufig genug auf die politischen
Folgen des Geburtenrückganges hingewiesen, der vielleicht einmal
zu einem Stillstand, wenn nicht zu einer Abnahme der Volkszahl
führen könne. Freilich gehört die Erörterung noch nicht hierher,
ob und in welchem Maße mit einem Stillstand des Volkswachstums
oder einem Rückgang der Volkszahl zu rechnen ist. Soweit das
aber für einzelne Länder zutrifft, gilt jedenfalls der Satz Kjellens:
1) Vgl. dazu M. Paon, L’imigration en France, Paris 1926. — R. Michels,
Prolegomena zum weltpolitischen Bevölkerungsproblem Italien u. Frankreich, Weltwirtschaftl.
Archiv, Bd. 26, 1927,
% H. Bernhard, Landbauzonen, ländliche Entvölkerung und landwirtschaftl.
Ainwanderung in Frankreich, Bern 1927, S. 72.
3) Caziot, La valeur de la terre en France, Paris 1914, S. 8. Zit. nach
Bernhard, a. a. O0.