Full text : Bevölkerungslehre

i. Kap. Das gegenseit. Größenverhältnis v. Bevölkerung u. Nahrungsspielraum 249

„Bevor nicht alle Völker angefangen haben, ihr Wachstum zu regulieren
und zwar in gleichem Tempo, wird sich das freiwillig im Wachstum
zurückbleibende Volk selbst zu einer immer größeren Bedeutungslosigkeit
 gegen die anderen verurteilen“ ?). Es sei nur auf den beginnenden
 Gegensatz zwischen Italien und Frankreich über die Verteilung
 des kolonialen Besitzes verwiesen, wobei die starke Volkszunahme
 des einen, das zahlenmäßige Zurückbleiben des anderen
Landes, mit aller Deutlichkeit im Vordergrund steht.
Während die politische Bedeutung einer sich in dieser
Art anbahnenden Entvölkerung eines Landes ziemlich deutlich
erkennbar ist, liegen die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer
derartigen Entwicklung nicht so klar zutage. Ganz ‘allgemein
wird man zunächst nur sagen können, daß diese letzteren Wirkungen
in hohem Grade davon abhängen, auf welcher Stufe der wirtschaftlichen
 Entwicklung das Land steht, bei dem ein solcher Bevölkerungsschwund
 einsetzt. Es wird einen großen Unterschied ausmachen,
ob es sich dabei um ein Land handelt, dessen Wirtschaft noch einen
überwiegend agraren Charakter trägt oder ob es schon in erheblichem
 Ausmaß Industrie und Handel ausgebildet hat und auf dieser
Grundlage in-starkem Umfang in die Weltwirtschaft verflochten ist.
Wenn wir uns im folgenden ein Bild dieser Wirkungen zu machen
versuchen, dann sei ganz bewußt davon abgesehen, was jedoch in
einem solchen Fall sehr wahrscheinlich sein wird, daß fremde Einwanderer,
 in der Regel aus wirtschaftlich und kulturell tiefer stehenden
Gebieten, in das betreffende Land kommen und daß sich damit
wirtschaftlich ein gewisser Ausgleich für den Rückgang der eigenen
Bevölkerung vollzieht, daß aber dann jene nationalen und politischen
Gefahren entstehen, von denen bereits die Rede gewesen ist. In
Frankreich kamen auf 1000 der Bevölkerung Fremde im
Jahre 1851 106, 1901 267, 1911 286 und 1925 698. Mit einer solchen
Einwanderung ist also in der Tendenz durchaus zu rechnen. Man
hat unter solchen Gesichtspunkten auch schon von einem Gesetz
des demographischen Gleichgewichts oder Ausgleichs gesprochen:
„Bleibt ein Land hinter der normalen Bevölkerungsdichtigkeit zurück,
die seine ökonomische Aktivität an sich zulassen würde ... SO entsteht
 zwischen diesem Lande und den Ländern mit übermäßiger
oder dichterer Bevölkerung ein unaufhaltsamer Menschenstrom, der
bestimmt ist, das Gleichgewicht wieder herzustellen“ ?). Von dieser

1‘) Kjellen, Der Staat als Lebensform, 1917, S. 152,
? W. Oualid, Die Einwanderung nach Frankreich u. ihre Probleme, Arch. f.
Soz., Bd. 56, 1926, S. 107.
            
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