Full text : Bevölkerungslehre

WS

Erster geschichtlicher Teil

sind, sich den erforderlichen Nahrungsspielraum zu beschaffen und wie
davon ihre ganze Lebensweise auf das stärkste beeinflußt wird.
Freilich liegt darin nur die eine Seite dieser primitiven Bevölkerungspolitik.
 Wir begegnen jedoch gerade als Folge dieser
zwangsläufigen und harten Beziehungen zwischen Wirtschaft und
Bevölkerung auf dieser Stufe tief einschneidenden Mitteln, um die
Volkszahl selbst zu beeinflussen und der Größe des Nahrungsspielfaumes
 anzupassen.
Bei der Fortpflanzung und dem Wachstum der primitiven
Völkerschaften ist jedoch zweierlei scharf zu scheiden. Auf der
einen Seite ist häufig beobachtet worden, daß zahlreiche dieser
Völkerschaften, vor allem auch in den Kolonien, in starker Abnahme
und vielfach im Aussterben begriffen sind !). Das hat — wie neuere
Forschungen gezeigt haben — mannigfache Ursachen. In vielfacher
Hinsicht hat zunächst die Berührung mit den Europäern einen sehr
ungünstigen Einfluß ausgeübt. Es handelt sich namentlich um die
Einschleppung von Krankheiten, um den Mißbrauch von Alkohol,
aber auch um die Zerstörung alter gesellschaftlicher Einrichtungen.
„Die höhere Kultur lähmt vielfach die Schaffenslust der auf ganz
anderen wirtschaftlichen Grundlagen stehenden Naturvölker.“ Auch
die Einschränkung ihres Wanderbereichs und das Abschießen des
Wildes durch die Europäer mußte die Lebensweise dieser Völkerschaften
 ungünstig beeinflussen. Dazu kommen noch die äußerst
schlechten hygienischen Zustände, die eine hohe Sterblichkeit, vornehmlich
 auch im Kindesalter, zur Folge haben. Auch die ungünstigen
 äußeren Lebensverhältnisse, die wir bereits kennen gelernt
haben, sind als Hindernis eines Wachstums dieser Völkerschaften
zu betrachten. Hierher gehören die immer wieder ‚auftretenden
Hungersnöte; auch dort, wo bereits ein primitiver Ackerbau besteht,
üben Wetter und Mißernten auf die Lebenslage einen wesentlich
stärkeren Einfluß aus als bei uns, weil der primitive Mensch vielmehr
von der Hand in den Mund lebt und für die Zukunft keine Vorsorge
 trifft. +
Dazu treten aber dann noch die mannigfachen Bestrebungen,

*) Vgl. zu dieser Seite der Frage: W. H. R. Rivers, Essays on the depopulalion.
 of Melanasia. Cambridge 1922. — H. Blum, Das Bevölkerungsproblem im
stillen Weltmeer, 1922. — H. Fehlinger, Die Fortpflanzung der Natur- und Kulturvölker,
 1921. — O. Peiper, Der Bevölkerungsrückgang in den tropischen Kolonien
Afrikas und der Südsee, 1920. — Derselbe, Geburtenhäufigkeit, Säuglings- und
Kindersterblichkeit und Säuglingsernährung in dem früheren Deutsch-Ostafrika, 10920, —
E. Gerland, Über das Aussterben der Naturvölker, 1868.
            
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