Full text: Bevölkerungslehre

2. Kap. Volkszahl und Volkswachstum 301 
Ausfall durch eine vermehrte Geburtenhäufigkeit wieder einzuholen. 
Das hing in erster Linie damit zusammen; daß nach solchen Zeiten 
die Ehefrequenz besonders stark zunahm, nicht nur weil dann in 
noch jugendlichem Alter bei beiden Geschlechtern viele verwitwete 
vorhanden waren, sondern weil auch nach derartigen Bevölkerungs- 
verlusten sich häufig genug die Möglichkeit des wirtschaftlichen Fort- 
kommens für die Zurückbleibenden bessern mußte. Denn gerade 
die Ehehäufigkeit steht in besonders hohem Grade unter dem Einfluß 
wirtschaftlicher Tatsachen. In wirtschaftlich günstigen Zeiten pflegt 
die Ehehäufigkeit zuzunehmen, in wirtschaftlich ungünstigen pflegt sie 
zurückzugehen. An den allerverschiedensten Maßstäben hat man diesen 
Zusammenhang, der auch noch in der Gegenwart gilt, nachgewiesen *). 
Der Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und Geburtenhäufig- 
keit gilt jedoch nicht nur für die allgemeine Sterblichkeit, sondern 
in besonderem Maße auch für die Sterblichkeit im Säuglings- 
und Kindesalter. Wenn bei der allgemeinen Sterblichkeit der 
Einfluß auf die Geburtenhöhe vor allem über den Umweg einer 
Vermehrung der Eheschließungen erfolgt, so ist bei der Säuglings- 
und Kindersterblichkeit die Wirkung auf die Geburtenhäufigkeit 
unmittelbarer und in ganz anderer Weise wirksam. Auf diesen Zu- 
sammenhang hat bereits Wappäus hingewiesen. Er hat hervor- 
gehoben, daß bei größerer Kindersterblichkeit auch die Fruchtbarkeit 
größer sei und umgekehrt. „Einmal nämlich“, so führt er aus, „wird 
schon im allgemeinen eine Mutter, deren Kind tot zur Welt ge- 
kommen oder bald nach der Geburt gestorben ist, eher wieder ein 
Kind zur Welt bringen können, als die, welche ihr lebend gebliebenes 
Kind säugt und aufzieht und zweitens ist wohl als Regel anzunehmen, 
daß jedes Elternpaar eine gewisse Anzahl von Kindern großzuziehen 
wünscht und deshalb, wenn es diese Zahl der Kinder am Leben 
hat, nicht mehr so lebhaft den Wunsch zur Vergrößerung der Familie 
hegt, als wenn durch das baldige Wiederabsterben der ihnen ge- 
borenen Kinder die gewünschte Zahl noch nicht erreicht ist“”). Die 
gleiche Erscheinung betonte wenige Jahre später Horn®), daß eine 
große Kindersterblichkeit in zweifacher Hinsicht auf eine Steigerung 
der ehelichen Fruchtbarkeit hinwirke. Er geht davon aus, daß etwa 
jedes Ehepaar vier Kinder im Durchschnitt zu haben wünsche. Sind 
nun fünf geboren und vier am Leben erhalten geblieben, „so fühlen 
1) Eingehender darüber Mombert, Einführung i. d. Studium d. Koniunktur. 
2. Aufl, 1925, S. 116, 
2? Wappäus, a. a, O., Bd. 2, 5. 323, 
3 J. E. Horn, Bevölkerungswissenschaftl. Studien aus Belgien, 1854, S. 256ff.
	        
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