Full text : Bevölkerungslehre

390 Zweiter systematisch-theoretischer Teil

verkehr damals keineswegs immer genügte, um dieses Ziel in ausreichendem
 Maße zu erlangen. „Die Versorgung der Polis mit den
elementarsten Existenzgütern ist die prekärste aller Existenzfragen
des Staates überhaupt. Der Handel allein ist in dieser Zeit noch
nicht imstande, die Versorgung mit dem Notwendigsten zu sichern.
Alles beruht auf dem Zufall und Unberechenbaren, alles ist steten
Gefahren ausgesetzt. Die Polis sucht dieser Verhältnisse so gut es
geht, Herr zu werden durch den Abschluß von „Einfuhrverträgen“
mit fremden Staaten“ ?).
Auch im Mittelalter begegnen wir dieser Erscheinung in manchen
Ländern, daß nämlich ein Teil des Nahrungsspielraumes der Bevölkerung
 außenbedingt ist. Die blühende Industrie und die überwiegende
 städtische Kultur von Flandern und von Brabant wären
nicht möglich gewesen ohne die großen Getreidezufuhren, welche
diese Länder in erster Linie aus dem deutschen Osten und den
baltischen Gebieten erhalten haben. „Für die Ernährung seiner
dichten, gewerblichen Bevölkerung war Flandern angewiesen auf die
Kornzufuhren, die der hansische Kaufmann aus den Ostseeländern,
besonders aus Preußen, herbeibrachte“?). Daß aber mit einer derartigen
 wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Ausland schon damals
auch ziemlich große Gefahren für den Nahrungsspielraum der betreffenden
 Länder verbunden waren, zeigt gerade die Geschichte der
Niederlande, als um die Mitte des 14. Jahrhunderts England die
Wollausfuhr nach Flandern und die Tuchausfuhr von dort nach
England verbot. Diese Maßnahme stürzte das Land schnell „in eine
furchtbare wirtschaftliche Krisis, Arbeitslosigkeit und Hungersnot“ ®).
Wenn wir uns nun der neueren Entwicklung und dem in dieser
Zeit starken Wachstum des außenbedingten Teiles des Nahrungsspielraumes
 zuwenden, so sehen wir, daß eine enge Wechselwirkung
zwischen der Zunahme der Bevölkerung und dieser Entwicklung besteht.
 Es handelt sich zunächst einmal um die Frage, ob und inwieweit
 das Volkswachstum selbst die Triebkraft für diese Ausweitung
 der Wirtschaft war und in welchem Umfang der umgekehrte
Zusammenhang Geltung besitzt. Hier handelt es sich um die allerengsten
 Wechselwirkungen, von denen ganz besonders der Ausspruch
von Sismondi gilt, daß in der politischen Ökonomie alles auf das
engste miteinander verknüpft ist, daß man sich beständig im Kreise
dreht, weil die Wirkung ihrerseits zur Ursache wird.

1) Hasebroek, a. a. O., S. 134.
?) E. Daenell, Die Blütezeit d. deutschen Hansa, 1905, ı. Bd., S. 17.
3) Daenell, a. a. O0. S. 18.
            
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