4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 437
Auch in der späteren deutschen Geschichte sind diese Zusammenhänge
zwischen Volkswachstum und gesellschaftlicher Entwicklung
deutlich wahrzunehmen, Zusammenhänge, die freilich an dieser Stelle
wieder nur mit knappen Worten berührt werden können. Es ist bereits
oben darauf hingewiesen worden, daß im deutschen Mittelalter der
durch das Volkswachstum nötig gewordene Ausbau des Landes und
die wachsende Intensität der Landeskultur immer wieder „gegen
Verfassung und Ausdehnung der alten Wirtschaftsverbände andrängten“
!). Das zeigte sich vornehmlich gegenüber dem noch vorhandenen
Gemeindeeigentum an Grund und Boden. Für die entsprechenden
Verhältnisse in der Schweiz hat Miaskowski gesagt:
„Solange die Landbevölkerung der Schweiz nicht zahlreich war
und sich nur langsam vermehrte und ‚solange noch im Verhältnis
zu Acker und Wiese ausreichende Wald- und Weidestrecken vorhanden
waren, lag kein Bedürfnis nach einer rechtlichen Fixierung
derjenigen Personen vor, welchen allein die Berechtigung, die Allmende
zu benutzen, zustand“ ?). In den Gemeinden, in denen dann in der
folgenden Zeit die Volkszahl stark zunahm, ist diesem Volkswachtum
vielfach die Allmende zum Opfer gefallen. Man hat auch schon mit
Recht gesagt, das Volkswachstum sei der Tod der Allmende.,
Wie dann aber auch umgekehrt die gesellschaftliche Ordnung
immer wieder einen tiefgehenden Einfluß auf den Nahrungsspielraum
und damit auf das Volkswachstum eines Landes ausgeübt und hierdurch
auch unter Umständen Übervölkerungserscheinungen hervorgerufen
hat, läßt sich durch mannigfache Beispiele belegen. Hier
sei zunächst nur ganz allgemein auf die Bedeutung der Grundhbesitzverteilung
für die Größe der Bevölkerungskapazität eines
Landes verwiesen. „Latifundia perdidere Italiam“ hat Plinius gesagt
und für Spanien zu Beginn der Neuzeit hat Leonhard gezeigt,
daß in gewissen Teilen dieses Landes die Latifundienbildung die
Ausweitung des Nahrungspielraumes behindert und damit zur Untervölkerung
und Entvölkerung vieler Landesteile beigetragen hat %
Leonhard zitiert einen zeitgenössischen Bericht, in dem es hieß:
„Zehn Stunden ritt ich bloß durch die Staaten des Herzogs von
Medina-Sidonia, sie bestanden aber auf meinem Wege in nichts als
in Feldern und Triften. Da war nirgends eine Spur zu finden, die
eine Wohnung des gemeinsten Insassen angekündigt hätte, nirgends
ein Obst- oder Küchengarten, nirgends ein Graben, nirgends ein
Y Lamprecht, Deutsches Wirtschaftsleben, Bd. ı, S. 271ff.
2) Miaskowski, Die schweizer. Allmend, 1879, S. 86.
3) R. Leonhard, Agrarpolitik u, Agrarreform in Spanien, 1909,