438 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Ziegelstein. Der große Eigentümer schien hier gleich dem Löwen
in den Wäldern zu herrschen, der mit seinem Gebrülle alles, was
sich ihm nähern könnte, hinwegscheucht. Jener wie dieser herrscht
über Einöden“ 1).
Der Einfluß der Agrarverfassung und Agrarverhältnisse in Irland
auf die Entvölkerung dieses Landes ist zu bekannt, als daß es nötig
wäre, an dieser Stelle noch genauer darauf einzugehen. Die Be-
völkerung Irlands betrug in den Jahren
1841 8,197 Mill. 1881
1851 6,574 » 1891
1861 5,799 » 1901
18» 1 5412 I91I
5,175 MilL
4.795 =»
4457 »
4,390
Das Gleiche gilt von der französischen Agrarverfassung vor der
großen Revolution; die damaligen Agrarverhältnisse Frankreichs be-
wirkten es, daß von dem Lande, das in den Händen von Adel und
Geistlichkeit war, ein sehr großer Teil unbebaut blieb und dadurch
ein Wachstum der ländlichen Bevölkerung über ein gewisses Maß
hinaus kaum möglich machten. Für die neuere Zeit hat für Rußland
Masslow auf ähnliche Zusammenhänge hingewiesen. Gerade vom
Standpunkt dieser russischen Agrarzustände aus konnte er sagen,
daß man die Begriffe „Bodenmangel“ und „Übervölkerung“ in einem
besonderen Sinne verstehen müsse, nicht in dem einer absoluten
Übervölkerung, sondern in dem einer relativen „hervorgerufen durch
irgendwelche ungünstigen sozialen Bedingungen“ 2. Schon oben ist
in anderem Zusammenhang von dem Einfluß der Grundbesitzver-
teilung auf die ländlichen Erträge und damit auf die Größe des
innenbedingten Teils des Nahrungsspielraums die Rede gewesen.
Wenn so die Agrarverfassung und Grundbesitzverteilung einen
bestimmten Einfluß auf die Lebensmöglichkeiten in einem Lande
und damit auf dessen Volkswachstum ausüben kann, so ist auch
der umgekehrte Zusammenhang vorhanden. Denn Agrarverfassung
und Grundbesitzverteilung sind in hohem Maße auch von der Be-
völkerungsdichte abhängig. Als um die Mitte des 14. Jahrhunderts
England von der schweren Pest heimgesucht wurde und die Volks-
zahl als Folge dieser Epidemie gewaltig abnahm, da war die Wirkung
ein großer Mangel an Arbeitskraft und ein Steigen der Löhne, So
daß sich die Grundbesitzer gezwungen sahen, ihre Güter anders zu
a. a. O., S. 177/78:
?) Masslow, Die Apgprarfrage, a. a. O., S. 19.