Full text: Bevölkerungslehre

444 Zweiter systematisch-theoretischer Teil 
der langen Linie gesehen, immer nach oben ging. Man muß also 
in diesem Zusammenhang auch diese Wandlungen in der 
Lebenshaltung berücksichtigen und kann dabei einem physio- 
logischen Existenzminimum ein solches in kulturellem oder sozialem 
Sinne gegenüberstellen. Schon Ricardo hat im Zusammenhang 
mit seiner Lohntheorie nicht von dem physiologischen, sondern 
von einem gewohnheitsmäßigen Existenzminimum gesprochen und 
gemeint, daß einem englischen Arbeiter sein Lohn „unter dem 
natürlichen Satze und für den Unterhalt einer Familie zu kärglich 
vorkomme, wenn er damit keine andere Nahrung als Kartoffeln 
kaufen und in keiner besseren Wohnung, als in einer Lehm- 
hütte leben könnte“. „Manche Annehmlichkeiten“, so fährt er 
fort, „die man heutzutage in einer englischen Arbeiterhütte ge- 
nießt, hätte man in früheren Zeiten unserer Geschichte für Luxus 
gehalten.“ 
Bei allen Kulturvölkern steht die durchschnittliche Lebenshaltung 
wesentlich über dem physischen Existenzminimum und sie hat die 
Tendenz, immer weiter darüber hinauszusteigen. Diese einfache 
Tatsache zeigt, daß auch der Höhe der Lebenshaltung eines Volkes 
für das Bevölkerungsproblem eine ganz erhebliche Bedeutung zu- 
kommen muß. Wo die Lebenshaltung eines. Volkes über diesem 
physiologischen Existenzminimum steht, dort kann durch ein Zurück- 
gehen der Lebenshaltung Platz für mehr Menschen geschaffen werden, 
und dies um so mehr, je höher die Lebenshaltung sich über diesem 
Existenzminimum befindet. Der Höhe und den Wandlungen in der 
Lebenshaltung kommt demnach für das Verhältnis von Volkszahl 
und Nahrungsspielraum eine beträchtliche Bedeutung zu. Man kann, 
um diesen Zusammenhang ganz einfach und schematisch darzustellen, 
den gesamten Nahrungsspielraum eines Landes als identisch mit 
dessen Konsumtionsfonds oder Volkseinkommen betrachten. Sind 
V die Volkszahl und L die Lebenshaltung und N der Nahrungs- 
spielraum, so kommt man zu der einfachen Gleichung V.L = N. 
Geht N zurück, so muß, wenn V sich gleichbleibt, L sinken; geht 
L entsprechend zurück, so kann, wenn damit die Lebenshaltung 
nicht unter das physiologische Existenzminimum sinkt, noch die 
gleiche Volkszahl im Lande leben. Bleibt sich jedoch N gleich, so 
kann V steigen, wenn L sinkt und wenn N zunimmt, so kann ent- 
weder V oder L eine Zunahme erfahren. Das ist nur die Konsequenz 
der oben betonten Tatsache, daß wir in einer rückläufigen Lebens- 
haltung das wichtigste Symptom einer Übervölkerung zu erblicken 
haben. Dabei sei davon abgesehen, daß eine Steigerung der Volks-
	        
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