146 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
deutung und Wirksamkeit immer mehr zurückgetreten. Es waren
anfangs nur wenige Kreise der Bevölkerung, in denen mit dem
Beginn der Neuzeit dieser Gedanke von „Herkommen“ und „Nahrung“
zu verblassen anfıng. Noch bis tief hinein in unsere Tage hat dieser
Gedanke den wirtschaftlichen Denkinhalt auch weiter Kreise der
städtischen Bevölkerung, vor allem beim gewerblichen Mittelstand
und innerhalb der Arbeiterschaft ausgemacht. Es ist erst eine Er-
scheinung der letzten Jahrzehnte, daß auch diese Kreise aus ihrem
alten Denken aufgerüttelt worden sind. Die Gegensätze zwischen
Reich und Arm kamen zur stärkeren Entfaltung, das Auf und Ab
auf der sozialen Stufenleiter wurde nach dem Fortfall der alten
ständischen Bindungen und mit der zunehmenden Bedeutung von
Vermögen und Einkommen für die soziale Stellung eine immer
häufigere Erscheinung und diese ganzen Wandlungen haben einen tief-
gehenden Einfluß auf das Denken und Wollen der Menschen ausgeübt.
Diese nehmen nun die vorhandene Lebenshaltung und soziale
Stellung nicht mehr als etwas Gegebenes und Gleichbleibendes hin; sie
beginnen sich vielmehr beiden kritisch gegenüber zu stellen, Lebens-
haltung und Lebensweise mögen sich objektiv durchaus gleichbleiben
und trotzdem können sie im Denken und Streben der Menschen
immer weniger zureichend erscheinen. Schon V. Modeste‘) hat
um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hervorgehoben, daß bei der
Armut alle substantiellen Elemente in der Abnahme begriffen seien,
nur eines sei stärker geworden, „le contre-coup dans l’homme
interieur“, das Elendsbewußtsein der Menschen, der Glaube des
Menschen an sein eigenes Elend?). Michels zitiert folgende
Äußerung von Rodbertus an v. Kirchmann aus dem Jahre
1850: „Armut ist ein gesellschaftlicher, d. h. relativer Begriff. Nun
behaupte ich, daß der berechtigten Bedürfnisse der arbeitenden
Klassen bedeutend mehrere geworden und daß es unrichtig sein
würde, heute, wo sie diese höhere Stellung eingenommen haben,
selbst bei gleichgebliebenem Lohne nicht von einer Verschlimmerung
ihrer materiellen Lage zu sprechen“ 3).
Den gleichen Gedanken hat Lassalle in seinem offenen Ant-
wortschreiben an das Central-Comite ausgeführt: „Jede menschliche
Befriedigung hängt ja immer nur ab von dem Verhältnis der Be-
1) Du pauperisme en France, Paris 1858, cit. nach R. Michels, Die Ver-
elendungstheorie, 1928, S. 130.
?) Vgl. dazu R. Michels, Psychologie d. antikapitalistischen Massenbewegungen,
Grundriß d. Sozialökonomik, 9. Abt., 10926.
8) Zur Beleuchtung d. sozialen Frage, 2. Aufl., 18:0, ı. Teil, S. 50.