Full text : Bevölkerungslehre

3. Kap. Das Altertum 37
Zustände seiner eigenen Zeit eine wesentliche Rolle gespielt, die
dem realistischen Beobachter deutlich zeigten, in welchem Umfang
das Wachstum von Industrie und Handel die sozialen und politischen
Mißstände mit hervorgerufen hat, die er persönlich miterleben mußte.
Auch haben ihm bei seinem Ideal ältere und — seiner Meinung
nach — bessere Zustände vorgeschwebt!). Aber er hat es deutlich
ausgesprochen, daß sich ein solches Ideal nur bei begrenzter Volkszahl
 durchführen und aufrecht erhalten lasse. „Denn ein großer
Staat ist nicht dasselbe wie ein volkreicher Staat. Überdies lehrt
die Erfahrung, daß es schwer, ja vielleicht unmöglich ist, für einen
stark bevölkerten Staat gute Gesetze herzustellen. So ist auch von
den Staaten, die als mit einer guten Verfassung ausgestattet gelten,
keiner zu finden, der in bezug auf die Volksmenge nicht eine Schranke
kennt“?). „Der griechische Idealstaat schaltete den Begriff der Entwicklung
 aus, er bildete eine Gemeinschaft, die sich in ewiger Ruhe
auf sich selbst beschränkt. Geradezu systematisch ist Aristoteles auf
‚Erhaltungsmittel“ (owrngiaı) bedacht, welche die Bewegung (zd
kLvELV) hemmen“ 3),
Gegenüber den politisch und sozial so verhängnisvollen Zu-Ständen,
 denen wir vor allem in Athen begegnen und die in mancher
Minsicht den Hintergrund der Staatsideale der beiden genannten
Philosophen bildeten, erschien damals sehr Vielen Verfassung und
Aufbau des spartanischen Staates vorbildlich*). Der spartanische
 Staat hatte es verstanden, sich die alte ständische Verfassung
in hohem Umfange zu bewahren. Es ist in diesem Zusammenhang
von Bevölkerung und Wirtschaft von Interesse, zu sehen, wie dies
möglich gewesen ist. Warum hat in Sparta nicht das Volkswachstum
die alten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisationsformen
zesprengt, wie es in den meisten anderen griechischen Staaten der
all gewesen ist? An dieser Stelle interessiert uns weniger die
MOnNarchisch-aristokratische Verfassung, als die in Sparta herrschende
zesellschaftliche Ordnung. Die Herren waren die der Zahl nach
vegrenzten Spartiaten, von denen jeder ein Stück Land erhielt, das
er nicht veräußern durfte. Handwerk und Handel zu treiben, war
ihnen verboten. Der Einzelne ging ganz im Staate auf, dessen Grund-*)

 Vgl. dazu Kinkel, Die sozialökonomischen Grundlagen der Staats- und
Wirtschaftslehren des Aristoteles, 1911,
?) Politik, a. a. O., Buch 4, Kapitel 4.
% M. Mühl, Die antike Menschheitsidee in ihrer geschichtlichen Entwicklung,
‚928, S. 28.
*) Beloch, Geschichte, 2, Bd,, ı. Teil, S. 281 ff.
            
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