466 Zweiter systematisch-theoretischer Teil
Ballod darin Recht geben dürfen, daß dieser Art von Konjektural-
statistik schon deshalb ein beträchtlicher Wert zuzubilligen ist, weil
uns solche Berechnungen doch vor einem übertriebenen Optimismus
in bezug auf die Ausdehnungsfähigkeit der wirtschaftlichen Kultur
bewahren werden. Denn — wie oben bereits dargelegt wurde —
begegnen wir einem übertriebenen Optimismus heute in weiten
Kreisen. Hat doch Aereboe z. B. neuerdings gemeint: „Das Er-
nährungsproblem der Völker und der Menschheit ist also für ab-
sehbare Zeit überhaupt kein Problem des Bodenmangels, steigender
Schwierigkeiten und steigender Kosten des Pflanzenbaues infolge der
Wirkungen des Bodengesetzes“ !). Bei diesem letzteren, dessen Wirk-
samkeit er nicht in Abrede stellt, soll es sich nach seiner Meinung
jedoch nur um ein betriebswirtschaftliches Problem, was natürlich
eine starke Verkennung der Zusammenhänge ist, handeln. Aereboe
meint, diese Dinge lägen volkswirtschaftlich ganz andersartig. „Da
gibt es ein unendliches Neuland im engeren und weiteren Sinn des
Wortes. Seine Urbarmachung ist eine reine Frage der Kapitalbildung
zur Aufbringung der Urbarmachungskosten und eine Frage des
Bedarfs, der sich in den Preisen der Erzeugnisse und Erzeugungs-
mittel äußert.“ Ohne hier auf die Verwechslung von Technik und
Wirtschaft, wie sie sich in diesen Worten darstellt, oder darauf einzu-
gehen, daß die Beschaffung des erforderlichen Kapitals ein besonders
schwieriges Problem für sich ist und daß der Umfang der Kapital-
bildung in hohem Maße auch von den Kosten der Urbarmachung
und Produktion abhängt, seien diese Worte Aereboes nur an-
geführt, um die Nützlichkeit solcher Berechnungen, wie wir sie eben
kennen gelernt haben, darzutun. Demgegenüber hat Sering mit
Recht gemeint: „Der Getreidebau wird sich nach dem Urteil aller
Sachkenner über das heutige Produktionsgebiet hinaus nur mit Hilfe
künstlicher Bewässerung d. h. bei höheren Preisen ausdehnen lassen“ ?).
Solche Berechnungen haben also, auch wenn sie einen noch so
approximativen Charakter tragen, demnach ihre Bedeutung. Dabei
ist natürlich stets zu berücksichtigen, daß diese Berechnungen nur
auf Grund der heutigen Verhältnisse, also auf Grund der heutigen
Produktions- und Verkehrstechnik, vorgenommen werden können.
Es kann sich heute niemand davon ein Bild machen, welch um-
wälzende Fortschritte sich nicht vielleicht in dieser Hinsicht in den
nächsten Jahrzehnten vollziehen können. Schon A. Fischer hat
!) Das Ernährungsproblem der Völker u. d. Produktionssteigerung d. Landwirt-
schaft, Weltwirtschaftl. Archiv, Bd. 21, S. 174.
% Sering, Internationale Preisbewegung, a. a. O., S. 86,