Full text: Bevölkerungslehre

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Menschen hatten sich dem eitlen Schein der Geldgier und der Träg- 
heit zugewandt; sie wollten nicht mehr heiraten, oder wenn sie es 
taten, doch nicht alle ihre Kinder aufziehen, sondern höchstens eines 
oder zwei, um diese reich zu hinterlassen und üppig groß zu ziehen. 
So mehrte sich unvermerkt das Übel schnell. Denn wenn nur eines 
oder zwei vorhanden waren, so konnten diese leicht durch Krieg 
oder Krankheit hinweggerafft werden und natürlich mußten dann 
die Häuser leer bleiben“ ?). 
Freilich lagen in dem damaligen Vordringen der Sklavenarbeit 
nicht die einzigen Gründe, die ungünstig auf den Nahrungsspielraum 
der freien Bevölkerung gewirkt haben. Auf zweierlei sei hier noch 
hingewiesen. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der hellenistischen 
Residenzen, Alexandria, Antiochia und Seleukia, verschob sich das 
Schwergewicht des Handelsverkehrs nach dem Orient, eine Ent- 
wicklung, unter der namentlich Athen zu leiden hatte. Wilcken 
hat diese Wandlungen mit jenen verglichen, die sich in Europa nach 
dem Zeitalter der Entdeckungen vollzogen haben, als mit der Ent- 
deckung des Seewegs nach Ostindien statt Genua und Venedig nun- 
mehr Lissabon, Antwerpen und London an die erste Stelle im Welt- 
handel traten. Das Mutterland verlor seine Stellung im geogra- 
phischen. Zentrum der griechischen Welt in demselben Maße, wie 
die Hellenisierung der neuen Erwerbungen fortschritt. Dazu trat die 
Ungunst der politischen Verhältnisse; während die griechische Halb- 
insel von Alexanders Tode bis zur Begründung der römischen Vorherr- 
schaft von fast beständigen Kriegen und inneren Umwälzungen er- 
schüttert wurde, herrschte in Ägypten während des ganzen 3. Jahr- 
hunderts fast ununterbrochen der tiefste Friede und dasselbe gilt für 
die Kernländer des Seleukidenreiches von Kilikien und Syrien bis 
nach Medien hin. Unter diesen Umständen vermochte das Mutter- 
land nicht mehr mit den neuen Kolonialgebieten erfolgreich zu kon- 
konkurrieren; Handel und Industrie begannen zurückzugehen und 
die Folge war, daß Tausende, die in der alten Heimat kein Fort- 
kommen mehr fanden, Jahr für Jahr nach dem Osten zogen, sei es 
als Kaufleute oder als Gewerbetreibende, oder auch einfach als An- 
siedler in den neuen Gebieten. Und natürlich waren es gerade die 
tatkräftigsten Elemente der Bevölkerung, welche die Hauptmasse der 
Ausgewanderten bildeten und die damit dem Mutterlande verloren 
gingen. Eine eigentliche Abnahme der Volkszahl trat allerdings 
Erster geschichtlicher Teil 
*) Zit. nach Seeck, Der Untergang der antiken Welt, 3. Aufl., 10920, Bd. I, 
S. 350,
	        
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