4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 59
Verfassung und Ausdehnung der alten Wirtschaftsverbände andrängten
?).
Diese Rodungstätigkeit freilich war nicht der einzige Weg,
den Nahrungsspielraum der wachsenden Volkszahl entsprechend zu
vergrößern. Auch die Intensität des Ackerbaus hat in dieser Zeit
Fortschritte gemacht, wenngleich die Meinungen über den Stand der
deutschen Bodenkultur in dieser Zeit noch ziemlich auseinandergehen.
Es handelt sich um das Eindringen ’der Dreifelderwirtschaft
an Stelle der Feld-Graswirtschaft. Die neuere Forschung
ist zwar zu dem Ergebnis gekommen, daß die Germanen schon vereinzelt
vor der Völkerwanderung die Dreifelderwirtschaft gekannt
haben, daß aber erst im Zeitalter der Karolinger dieses Ackerbausystem
neben anderen Verbesserungen der Landeskultur allgemeinere
Verbreitung gewonnen hat. Auch hier waren es die großen Grundherrschaften,
die in dieser Hinsicht bahnbrechend und wegweisend
vorgegangen sind. Es ist jedenfalls eine Zeit, in der wir einer
größeren Regelmäßigkeit im Betrieb und in der Feldbenutzung begegnen.
Wir hören auch von Fortschritten in der Viehzucht und
von der Einführung neuer Methoden. Below hat über diese Zusammenhänge
gesagt: „Mit dem Aufkommen der Dreifelderwirtschaft,
einer der Körnerwirtschaften, gelangt die größere Schätzung
des Ackerbaues zum Ausdruck, die wir als eine Folge der inzwischen
eingetretenen Zunahme der Bevölkerung ansehen dürfen ?).“ Es liegen
hier jene oben erwähnten engen Wechselwirkungen zwischen Wirt-Schaft
und Volkszahl vor. Auf der einen Seite haben wir in dem
starken Volkswachstums jener Periode eine der treibenden Kräfte zu erblicken,
die damals zu der Neugewinnung von Land geführt haben.
Auf der anderen Seite haben aber dieser Landesausbau und die
sonstigen Fortschritte in der Landwirtschaft eine Erweiterung des
Nahrungsspielraumes bewirkt und damit den Boden für ein weiteres
Volkswachstum bereitet. Es handelt sich hierbei immer um so enge
Wechselwirkungen, daß man keineswegs sagen kann. auf welcher
Seite die primären Kräfte lagen.
Auch in diesen ganzen Zeiten haben sich jedoch immer wieder
Spannungsverhältnisse zwischen Volkszahl und Nahrungsspielraum
gezeigt. Das war nicht nur in der Form der Fall, daß die Entwicklung
des letzteren mit dem Wachstum der Volkszahl nicht
immer Schritt gehalten hat, die geringe Beherrschung der Natur, die
3 Lamprecht, a. a. O., 5. 271.
2?) G. v. Below, Probleme der Wirtschaftsgeschichte, 1920, S. 40.