Full text : Bevölkerungslehre

4- Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 61

Sterblichkeit in jener älteren Zeit gewesen sein muß und welche
Kräfte damit einem zu starken Volkswachstum entgegenwirkten.
Wir sehen aber auch, wie unsicher bei dem damaligen Stand der
Wirtschaft der vorhandene Nahrungsspielraum gewesen sein muß,
wenn solche, immer wieder auftretenden elementaren Ereignisse alles
mühsam Erreichte so sehr in Frage stellen konnten. Wenn die doch
immer nur lokal auftretenden Hungersnöte eine solch verheerende
Wirkung ausüben konnten, so hängt dies vor allem damit zusammen,
daß bei den damaligen mangelhaften Straßen- und Verkehrsverhältnissen
 die Zufuhr von Getreide aus Gegenden, die von dem Mißwachs
 verschont geblieben waren, nicht möglich war. Das beginnt
sich erst im späteren Mittelalter zu ändern; erst hier sehen wir, daß
Mißernten nicht mehr die schlimmen Wirkungen ausüben, wie zuvor,
weil jetzt der Nahrungsmittelbezug aus entfernteren Gegenden möglich
 geworden ist. Freilich begegnen wir bei den damals sehr hohen
Transportkosten erheblichen Preissteigerungen und damit auch
schweren Notständen, aber es handelt sich doch nicht mehr um
Hungersnöte in dem Ausmaße wie einige Jahrhunderte zuvor. Gerade
der Ausbildung des Straßen- und Verkehrswesens ist für
die Größe und die Sicherheit des Nahrungsspielraumes eine sehr
große Bedeutung zuzumessen, eine Tatsache, die man bis hinein in
unsere Tage beobachten kann. Denn ein ausgedehnterer Handel
kann erst dort entstehen, wo die Verkehrsmöglichkeiten dazu die
Voraussetzung geben. Weil gerade in diesen älteren Zeiten ein
regionaler Ausgleich in den Ernteerträgnissen noch nicht durch den
Handel herbeigeführt werden konnte, so wurden die Menschen damals
noch vielfach zum Verlassen der Heimat gezwungen, um Gebiete
aufzusuchen, in denen sie bei Hungersnöten Nahrung zu finden hofften Y.
Die Ansichten darüber gehen auseinander, in welchem Umfang
in dem Zeitalter der Karolinger Handel, Verkehr und Geldwirtschaft
ausgebildet waren. Gegenüber älteren Anschauungen, die für die
damalige Zeit einen ganz überwiegend naturalwirtschaftlichen Charakter
der deutchen Volkswirtschaft betonten, hat Dopsch die Meinung ?)
vertreten, daß damals Verkehr und Geldwirtschaft doch eine wesentlich
 größere Rolle gespielt haben. Sei dem, wie ihm wolle. Man
wird jedenfalls mit aller Bestimmtheit sagen können, daß unter dem
Gesichtspunkt der Größe und der Sicherheit des Nahrungsspielraumes
betrachtet, die damaligen Grundlagen der deutschen Volkswirtschaft

‘) Curschmann, a. a. O,, S. 62 ff.
’) Wirtschaftliche und sosiale Grundlagen, a. a. O.
            
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