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Kötzschkes Schätzungen gelangen !).“ Jedenfalls steht eine starke
Volkszunahme für das 13. und 14. Jahrhundert und auch noch für
die folgende Zeit fest. Aber doch war die Bevölkerungszunahme in
dieser älteren Zeit äußerst geringfügig, verglichen mit derjenigen der
letzten Menschenalter. Gley gibt das Volkswachstum der Mittel-
mark in der Periode von 1150—1624. von 25000—26000 auf etwa
160000 an und empfindet das für die damalige Zeit als mit Recht
sehr erheblich ?). In den Jahren 1841—45 betrug nach dem da-
maligen Volkswachstum in Deutschland die Verdoppelungsperiode
der Bevölkerung rund 66 Jahre. An diesem Maßstab gemessen hätte
sich in der Zeit von 1150—1624 die Bevölkerung der Mittelmark "auf
3,2 Mill. Köpfe erhöhen müssen. Man erkennt hieran deutlich den
Gegensatz in der Stärke des Volkswachstums in älterer und neuerer Zeit,
Von manchen Seiten hat man für das 14. Jahrhundert für eine
Reihe von Städten, namentlich für süddeutsche, einen Rückgang in
der Volkszahl festgestellt und daraus auf einen Rückgang des deutschen
Wirtschaftslebens in dieser Zeit geschlossen ®). Eine genau entgegen-
gesetzte Anschauung hat Below vertreten, wenn er vom 14. Jahr-
hundert sagt: „Tatsächlich entwickeln die deutschen Städte jetzt eine
außerordentliche Lebenskraft. Der Mauerring wächst, die Bevölkerung
hat die Mittel, herrliche Kirchen, Rathäuser, Patrizierhäuser zu bauen“ *).
Man darf natürlich nicht, wie es von einzelnen Seiten geschehen ist,
aus der Entwicklung der Einwohnerzahl in einzelnen Städten ein
allgemeines Urteil über die Lage der deutschen Volkswirtschaft in
1) Vgl. dazu Art. „Bevölkerungswesen“ (Geschichte d. Bevölkerungsbewegung)
im Handwörterbuch d, Staatswissenschaften, 4. Aufl., S. 670ff. — Vergleichbare An-
gaben für einzelne Städte finden sich bei G. Strakosch-Grassmann, Die Volks-
zahl der deutschen Städte in Vergangenheit u. Gegenwart, 1907. — J. Beloch,
Antike u, moderne Großstädte, Z. f. Sozialwissenschaft, Bd. 1, 1898. — Sombart,
Der moderne Kapitalismus, 1916, Bd. ı, S. 214ff. — G. Schmoller, Deutsches
Städtewesen in älterer Zeit, 1022, S. 6off. — H. Pirenne, Geschichte Belgiens,
1907, Bd. 3, 5. 357 ff. — Auf d. Reichstage zu Augsburg wurde der Plan einer allge-
meinen Volkszählung gefaßt. Für ein zu bildendes Reichsheer sollte auf je 400 Ein-
wohner I Mann ausgerüstet werden. Kaiser Maximilian glaubte, auf diese Weise
30000 Mann zu erhalten; man schätzte demnach die Bevölkerung des Reiches damals
auf ı2 Millionen. Nach Beloch, Die Bevölkerung Europas zur Zeit der Renaissance,
Z. f. Sozialwissenschaft, Bd. 3, 1900.
?) Gley, Die Besiedelung d. Mittelmark von d. slavischen Einwanderung bis
1624, 1926, S. 120.
3) Vgl. dazu vor allem H. Flamm, Der wirtschaftliche Niedergang Freiburgs
u. d, Lage d, städtischen Grundeigentums im 14. u. 15. Jahrhundert, 1905. — Ferner
E. Gothein, Wirtschaftsgeschichte d. Schwarzwalds, ı. Bd., 1892, S. 249, 335, 374
u. 661.
1) Below, a. a, O., 5. 454 Anmerk.
Erster geschichtlicher Teil