298 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Galilei.
und zwingenden Beweisgründen fügen. Erst dann, wenn diese
Rückführung auf notwendige Erkenntnisse vollzogen ist, haben
wir die Wirklichkeit, haben wir somit die Materie in ihrem
wahren Begriffe erfasst und bewältigt. Von allen sinnlichen Be-
sonderheiten und Eigenschaften des Stoffes wird abgesehen: —
festgehalten werden von ihm nur diejenigen Bestimmungen, nach
denen er mit den logischen Bedingungen und Erfordernissen der
Wissenschaft zusammenstimmt. . Die Mannigfaltigkeit der wahr-
naehmbaren Körper und Veränderungen als Modifikation eines
zinheitlichen, ursprünglichen Urstoffes aufzufassen: diese Forde-
rung besagt für Galilei nichts anderes als die Aufgabe, die
zhaotische Vielheit der Erscheinungen auf ein letztes unveränder-
liches Element zu beziehen und in ihm: erkennbar zu machen.
Der „Materialismus“, den seine kirchlichen Gegner ihm vorwerfen,
ist daher nichts anderes, als die Behauptung des allseitigen und
ausnahmslosen Rechtes der wissenschaftlichen Vernunft: der Be-
ariff der Materie ist das unentbehrliche Correlat des Begriffs der
Notwendigkeit. 19)
An diesem Punkte lässt sich der genaue Zusammenhang
armessen, der Galilei mit der antiken Spekulation verbindet. Die
zedankliche Verwandtschaft Galileis mit Demokrit ist mit Recht
hervorgehoben worden!®); aber sie erweist sich nicht sowohl
'n seiner Atomistik, die, so interessant und problemreich sie
st, im Ganzen des wissenschaftlichen Systems doch nur ein
\ussenwerk bleibt, als vielmehr in den logischen Funda-
nenten seiner Physik. Auch der antike Materialismus ist ge-
schichtlich nicht direkt aus der physikalischen Beobachtung, son-
lern aus dialektischen Problemen und Erfordernissen herausge-
wachsen. Es ist der Eleatische Gegensatz des Einen und Vielen,
les Denkens und der Sinneswahrnehmung, der in ihm zugleich
geschärft und geschlichtet werden sollte, Die Forderung des
reinen Begriffs, der Anspruch der strengen unveränderlichen
[dentität war fixiert: nun galt es, sofern eine Wissenschaft
der Phänomene möglich sein sollte, die Erscheinungen derart zu
vpestimmen und zu deuten, dass in ihnen selber ein Ewiges und Un-
wandelbares sich darstellte und heraushob, (Vgl. ob. S. 31 {f.) Es
ıst dieselbe Aufgabe, wenn auch in unvergleichlich grösserer Ein-
dringlichkeit und Bestimmtheit gefasst, mit der Galileis Denken