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(739) 1861 Mai 10
Ägypten nichts andres ist als die Geschichte, die Manetho er-
zählt, von der Vertreibung „des Volks der Aussätz igen“ aus
Ägypten, an deren Spitze sich ein ägyptischer Priester Namens
Moses stellte. Lazarus, der Aussätzige, ist also der Urtyp des
Juden und Lazarus-Lassalle. Nur ist unsrem Lazarus der Aussatz
ins Hirn geschlagen. Seine Krankheit war ursprünglich schlecht
kurierte sekundäre Syphilis. Daraus entwickelte sich Knochen-
fraß in einem seiner Beine, und hiervon ist etwas zurückgeblieben,
wie sein Arzt Frerich” (ich weiß nicht, wie sich dieser be-
rühmte Professor schreibt) sagt, Neuralgie oder something of the 10
sort in einem seiner Beine. Zu seinem eignen Leibesschaden lebt
unser Lazarus nun so luxuriös wie sein Gegenbild, der reiche
Mann, und das halte ich für ein Haupthindernis seiner Kur. Er hat
sich überhaupt zu sehr vervornehmt und würde es für einen Raub
halten, z. B. in eine Bierkneipe zu gehn. Sonderbarer Weise hat zs
er mich wenigstens viermal gefragt, wen ich unter Jakob Wiesen-
riesler im „Vogt“ verstehe. Indes bei seiner wirklich „objektiv“
gewordnen Eitelkeit war dies nur usus naturae. Sein neues juri-
stisches Urwerk (Dharma) wird er uns allen schicken.
{n Berlin besuchte ich auch Friedrich Köppen. Ich fand ganz zo
den Alten in ihm. Nur ist er dicker geworden und „greulich“. Die
zweimal, die ich allein mit ihm durchkneipte, waren eine wahre
Wohltat für mich. Er hat mir seine zwei Bände Buddha, eine be-
deutende Schrift, geschenkt. Von ihm erfuhr ich denn auch, wie
der Lause-Zabel et Co. sich in Besitz der Nat[ional]-Zeitlung] ge- z
setzt. Zunächst wurde dies Blatt 1848 auf gleich ganz ausgezahlte
Aktien (aber ohne eigentlichen Kontrakt, in a loose way) gegrün-
det. Mügge, Köppen u. a. liefen herum zu diesem Zweck. Ruten-
berg trat ein als Hauptredakteur, mit und unter ihm Zabel, end-
lich der Jude Wolff als Geschäftsführer. Das Blatt hob sich bald z
durch seine Weißbierphilistermäßigung und seine Dienstnahme
bei der parlamentarischen Linken. Rutenberg ward von seinen
sociis hinausbuxiert unter dem richtigen oder falschen Vorwand,
daß er zu konservative Richtung einschlage und von Hansemann
Trinkgelder erhalte. Zabel brachte einen friseur hinein, der für ss
ihn schrieb, während Zabel durch Unterhaltungen mit den Weiß-
bierphilistern in den verschiednen Kneipen für wachsende Popu-
larität sorgte, Der coup d’e&tat (Manteuffels) und die verschiednen
Gewaltstreiche gegen die Presse, die in ihrer gröbsten Form bis
Ende 1850 fortdauerten, gaben einen willkommenen Vorwand, «0
keine Aktiengesellschaft zusammenzuberufen, Unterdes nahm
las Blatt, das erst mit der völligen Unterdrückung der revolu-
vionären Presse und mit dem Aufkommen des Regime Hinckel-
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1) Richtig: Frerichs
ZZ — 4—19.
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