fullscreen: Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen 
Bei Tarde ist die psychologische Betrachtungsweise ge 
wissermaßen eine konvexe Linse, die ihm die Erscheinungen des 
Wirtschaftslebens in einem durch sie a priori bestimmten Brenn 
punkt zeigt ; Durkheim dagegen will mit einem Minimum an 
Voraussetzungen — daß das Prinzip der Kausalität, nicht als 
rationale Notwendigkeit, sondern auch schon als empirisches 
Postulat, als Produkt einer Induktion, für die sozialen Erschei 
nungen Geltung hat — an deren Einzelbeobachtung herantreten. 
So groß nun aber auch die Verschiedenheiten des Tempe 
raments, der Methode und der Grundauffassung zwischen Tarde 
und Durkheim sein mögen, wir werden sehen, daß wenigstens 
auf volkswirtschaftlichem Gebiete des letztem Schüler Simiand 
zu Ergebnissen kommt, welche sich mit dem Ausgangspunkte 
Tardes decken. Nach vielem Beobachten und Vergleichen 
gelangt Simiand nämlich zu der Erkenntnis, daß die Er 
klärung der Erscheinungen des Wirtschaftslebens letztlich im 
menschlichen Handeln zu suchen ist. 
Nach dem oben Gesagten gipfelt die induktive Methode, 
mit deren Hilfe Durkheim eine neue Soziologie aufbauen 
will, darin, daß sie 1. unabhängig von jeder a priori gegebenen 
Orientierung, 2. objektiv, 3. ausschießlich soziologisch ist *). 
Der Umstand zunächst, daß die Soziologie aus den großen 
philosophischen Lehrsystemen hervorgegangen ist, hat bewirkt, 
wie Durkheim mit Recht hervorhebt, daß sie der Reihe nach 
positivistisch, evolutionistisch, spiritualistisch gewesen ist, während 
sie sich damit hätte begnügen sollen, die Soziologie einfachhin 
zu sein. So lange der Soziologe den Philosophen nicht genügend 
ausgezogen hat, betrachtet er die sozialen Dinge nur von ihrer 
allgemeinsten Seite, d. h. von der, von welcher aus sie den 
andern Dingen des Weltalls am meisten gleichen. Auf diese 
Weise läßt sich aber nichts Neues im Gegenstand der Forschung 
nachweisen. Andererseits muß die Soziologie auch von den 
praktischen Normen des gesellschaftlichen Seinsollens unabhängig 
bleiben: sie darf weder individualistisch, noch sozialistisch, noch 
kommunistisch sein. Sie muß die Theorien des Seinsollens als 
solche grundsätzlich ignorieren; dagegen vermag sie ihnen in 
sofern wissenschaftlichen Wert zuzuerkennen, als diese Theorien 
0 Durkheim, Les Règles de la Méthode sociologique, p. 172 ff.
	        
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