Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 2)

396 Fünfzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
die deutsche Frage lösen zu können. Das alles machte ihn 
überlegt. Außerdem aber entsprach schroffes Dreinhauen nicht 
seinem Charakter. Er hatte einen Zug vornehmen Abwartens, 
der von den Evangelischen nur zu gern als Vorurteilslosigkeit 
der Stellungnahme verstanden ward; noch im Jahre 1532 hat 
Luther bemerkt, der Kaiser sei wohl fromm, nur Bischöfe und 
Kardinäle seien Schälke. 
So berief Karl seinen zweiten deutschen Reichstag nach 
Augsburg im verbindlichsten Tone: er wolle alle eines 
jeglichen Gutbedünken, Opinion und Meinung zwischen uns 
selbst in Liebe und Gütlichkeit hören, verstehen und erwägen, 
die zu einer einigen christlichen Wahrheit bringen und ver— 
gleichen, alles, so zu beiden Teilen nicht recht ist ausgelegt 
oder verhandelt, abthun'. Er habe sich in dieser Hinsicht mit 
dem Papste verständigt; auch dieser wünsche, die deutschen 
Dinge zu gutem Frieden und einmütigem Verstand und Wesen 
zu bringen'. 
Der Reichstag trat nach langer, vom Kaiser veranlaßter 
Verzögerung am 20. Juni zusammen. In den der Eröffnung 
vorhergehenden wie folgenden Verhandlungen privater und 
öffentlicher Natur nahm die religiöse Frage alsbald den Vorder— 
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Türkennot aufs stärkste hervorgehoben, ja fast den Ton der 
Einberufung einer kirchlichen Nationalversammlung angeschlagen. 
Der Aufforderung des Kaisers entsprechend reichten die evange— 
lischen Fürsten der Speierer Protestation, dazu die Reichsstädte 
Nuürnberg und Reutlingen, früh Artikel ihrer Opinion und 
Meinung' ein; der Kaiser nahm sie am 25. Juni entgegen; 
es sind die Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses. Abgefaßt 
hatte sie im wesentlichen Melanchthon; Luther, den Kurfürst 
Johann verhindert worden war mit auf den Reichstag zu 
bringen, hatte sie nur gebilligt. Er fand in ihnen freilich 
nicht den lebendigen Zug des eigenen Geistes, doch meinte er, 
es schicke sich für ihn nicht, daran zu ändern: 'denn ich so 
sanft und leise nicht treten kann. In Wahrheit waren die 
Artikel nicht bloß mit diplomatisierender Angstlichkeit abgefaßt,
	        
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