Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

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Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. 
16. Der Anerkennungs- und der Rivalitätstrieb. Gehen wir nach 
diesen elementaren Trieben, die in ihrer Wurzel alle an bestimmte physische Lustgefühle 
anknüpfen, zu dem über, was man sonst noch als Trieb zu bezeichnen pflegt, so wird 
die Unterfuchung sehr viel schwieriger. In gewissem Sinne entspricht auch allen höheren 
ausgebildeten Gefühlen ein Triebleben: der Mensch hat ästhetische, intellektuelle, moralische, 
gesellige Triebe. Aber es handelt sich hier um viel kompliziertere Vorgänge, um Nerven— 
reize, die keineswegs mit gleicher Dringlichkeit den Menschen zu bestimmten Richtungen 
des Handelns antreiben. Es handelt sich da um ein Handeln, auf das sittliche und 
andere Vorstellungen und Erfahrungen soviel stärker einwirken als der an sich vor— 
handene Nervenreiz, so daß wir hier mit der Annahme eines Triebes viel weniger 
erklärt haben. Ja an einzelnen Stellen erscheint uns die Annahme eines Triebes nur 
als Mäntelchen, unsere Unwissenheit zu verdecken. So müssen wir uns entschieden gegen 
die Annahme eines allgemeinen socialen Triebes erklären, obgleich wir zugeben, daß es 
auch auf gesellschaftlichem und geselligem Boden Triebreize giebt. Aber diese Triebreize 
lösen sich uns auf in eine Reihe von Gefühlen, die wir wieder unterscheiden können 
als Gefühle der Blutsverwandtschaft, der Sprach-, der Kulturgemeinschaft, als Freude 
an der Geselligkeit und was sonst noch dazu gehört. Und deshalb möchten wir das so 
klar zu Unterscheidende nicht mit einem Sammelnamen bezeichnen, der uns die Unter— 
ichiede zudeckt. 
Dagegen scheint es uns viel eher berechtigt, von einem allgemeinen Triebe der 
Menschen nach Anerkennung im Kreise von ihresgleichen zu sprechen. Wir haben schon 
oben (S. 9, 15—16) darauf hingewiesen, wie sehr das geistige Leben überall nach 
Zusammenschluß hindrängt. Ad. Smith leitet aus der stets und überall wirksamen 
Sympathie der Menschen miteinander alle sittlichen Urteile und alle gesellschaftlichen 
Einrichtungen ab. 
Kein Mensch kann ohne die Billigung eines gewissen Kreises leben; und je niedriger 
er steht, desto mehr ist er in jedem Schritt, den er thut, von dem Urteil seiner Um— 
gebung abhängig. Der Mensch ißt und trinkt, er kleidet sich und richtet seine Wohnung 
so ein, wie es seine Freunde, seine Standesgenossen für passend halten. Jeder fürchtet 
sich in erster Linie vor dem, was man von ihm sagen werde; er fürchtet die Sticheleien, 
er fürchtet, sich lächerlich zu machen. Viele geben Feste über ihre Mittel, weil sie 
fürchten, sonst getadelt zu werden. Die arme Witwe ruiniert sich und ihre Kinder, um 
dem Mann ein anständiges Begräbnis zu verschaffen. d. b. ein solches, wie sie alaubt, 
daß es die Nachbarn erwarten. 
Wir beherrschen unfere Leidenschaften, weil wir fürchten, sonst ungünstig beurteilt 
zu werden; die Mäßigung, die Selbstbeherrschung entspringt so zuerst wesentlich aus 
Rücksicht auf andere. Mag der einzelne Mensch im Herzen sich noch so sehr allen anderen 
vorziehen, er darf es, sagt Ad. Smith in der Theorie der sittlichen Gefühle, doch nie 
eingestehen, ohne sich verächtlich zu machen, er muß die Anmaßungen des Egoismus zu 
dem herabstimmen, was andere nachempfinden können. Es giebt keine Lage des Lebens, 
in welcher der Mensch ganz auf Anerkennung der Menschen verzichten könnte, die er selbst 
achtet und hoch hält. 
Der Kreis derer, auf die man dabei achtet, deren Anerkennung, Billigung oder 
diebe man wünscht, kann je nach der Kultur, der Gesellschaft, der Lebenslage, der 
Handlung, die in Frage steht, ein sehr verschiedener sein. Aber diese Anerkennung oder 
Billigung ist für die Mehrzahl der Menschen eine Hauptquelle ihres Glückes, ihrer 
Zufriedenheit. Selbst der Auswurf der Menschheit kann nicht ohne solche Billigung 
leben. Es ist ohne Zweifel eine der Hauptursachen der größeren Moralität in kleineren 
Orten, wo jeder jeden kennt, daß hier Nachbarn, Freunde, Verwandte von jedem 
die gewöhnlichen Tugenden des ehrbaren Mannes, des guten Familienvaters, des 
sparsamen Hauswirts fordern. In der großen Stadt, vollends in der Welistadt, 
entzieht sich das Privatleben der allgemeinen Kenntnis. Der schneidige Offizier, der 
pünktliche Beamte, der gewandte Commis wird von den Personen, die sein Schicksal 
bestimmen, nur nach Bruchstücken seines Wesens gekannt und beurteilt. Vollends der
	        
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