Der Selbsterhaltungs-, Geschlechts⸗ und Thätigkeitstrieb. 29
die ihre überschüssige Energie irgendwie verbrauchen müssen. Alle phyfsiognomische und
mimische Bewegung hängt damit zusammen, wie die Sprache, welche nach ihrer anima—
lischen Seite nichts ist als die unwillkürliche lautliche Entladung gewisser Nerven- und
Muskelkräfte. Der Thätigkeitstrieb nötigt uns aber nicht bloß, Muskeln und Nerven
zu beschäftigen, unter dem Einfluß ordnender, mit dem Zweckleben sich ergebender Vor—
telluügen und Lustgefühle will er sie sachgemäß beschäftigen, er will die Kräfte üben,
die Grenzen der eigenen Macht erproben; er geht so dem erwachenden Selbstgefühl
parallel; ursprünglich ein Ergebnis rein animalischen Daseins nimmt er alle höheren
nenschlichen Zwecke, sofern wir unsere Kraft an ihnen versuchen, in sich auf; die ihm
eigentümlichen Lust- und Schmerzgefühle verbinden sich auf jeder Kulturstufe mit Gefühlen
höherer Ordnung. —
Außert er sich beim Kannibalen nur in der Befriedigung, einen Feind getötet oder
skalpiert zu haben, beim rohen Jäger in der Spannung und dem Genuß, welchen die
Erlegung des Elchs und des Hirsches gewähren, so werden die Ziele desselben beim
ulturmenschen unendlich mannigfaltige, die Lust aber bleibt immer dieselbe. Es ist
die Freude, die eigene Kraft richtig eingesetzt und verwertet zu haben. Wir beobachten
»en Trieb ichon beim Kinde, das mit Bauklötzchen ein Haus baut, das sägen und leimen,
pappen und malen will, das in tausenderlei Formen die kleine Welt der Hauswirtschaft
vie die große der Technik in seinen Spielereien nachahmt und entzückt in die Händchen
schlägt, wenn ihm die kleinen Kraft- und Kunstproben gelungen sind. Und was der
Jugend das Spiel, ist dem Alter die Wirklichkeit. Den Schmied, welchem der rechte
Schlag mit dem Hammer gelungen ist, die Köchin, welche den duftenden Sonntagsbraten
anrichtet, den Maler, welcher vor dem fertigen Bilde den Pinsel weglegt, den Maschinen—
abrikanien, der die tausendste Lokomotive auf die Ausstellung schickt, durchglüht dasselbe
Innervationsgefühl gelungener eigener Thätigkeit wie den hungernden Prediger, welcher
nit dem Bewußtsein von der Kanzel steigt, wieder einmal als Wecker der Gewissen die
Herzen und Nieren seiner Gemeindeglieder erschüttert zu haben. Es giebt keine größere
Freude für den Menschen als die vust thätigen Schaffens und Wirkens, und sie ist
bis auf einen gewissen Grad unabhängig von dem bkonomischen Erfolg, der Bezahlung
des Produktes, dem Lohn oder Gehalt. Millionen von Menschen arbeiten in der Familie
und in Staat und Kirche ohne direkte Bezahlung, bei anderen Millionen ist Belohnung
und Arbeit nicht in so nahe Beziehung und oft nicht so in Proportion gebracht, daß
die Belohnung das allein ausschlaggebende Motiv wäre. Aber sie arbeiten um des
Erfolges willen. Ihr Vorstellungsvermögen und ihre Nervenerregung läßt ihnen keine
Ruhe, es treibt sie unwiderstehlich zur Thätigkeit; die wesentlichsten wirtschaftlichen
Tugenden, die Ausdauer, der Mut des kühnen Ünternehmers, die frische Erfindungsgabe
des Zeichners und Modelleurs entspringen hier. Der reiche Mann will noch mehr
Jewinnen, nicht so sehr, weil ihn der Mehrbesitz als weil ihn das Kraftgefühl der Erwerbs⸗
äühigkeit erfreut. In diesem Thätigkeitstrieb hat der sittliche Segen der Arbeit seine
aaturliche Wurzel. Die Thätigkeit, welche sich ganz in den Gegenstand versenkt, darüber
das eigene Ich und seine Kümmernisse vergißt, ist das einzige, was auf die Dauer für
die Mehrzahl der Menschen jenes harmonische Gleichgewicht zwischen Lust- und Unlust—
gefühlen herstellt, das wir als dauernde Zufriedenheit bezeichnen.
Aus diesem Trieb entspringt nebenbei auch das Selbstgefühl und Selbstbewußt—
sein; freilich nicht aus ihm allein; es ist ein kompliziertes Ergebnis individueller
und gefellschaftlicher Vorgänge; die Anerkennung in der Gesellschaft stärkt es, wie das
Bewußtsein des Besitzes, das die Furcht, von der Gnade anderer leben zu müssen, ver—
hannt. Vor allem aber erzeugt das Bewußtsein, auf bestimmtem Gebiet etwas Vollendetes
leisten zu können, die bestimmte Sicherheit des Auftretens, die zu unserem inneren Glück
ebenso notwendig ist wie zu jedem äußeren Erfolg. Und das Kolorit des Selbstgefühls
entsteht durch die bestimmte Art der Arbeit. Der Maschinenarbeiter schlägt mit Leiden—
schaft auf den Tisch, der Schneider streichelt sanft den Freund über Achsel und Arm,
zugleich den Stoff befühlend; der Soldat erinnert an die Feldzüge, die er mitgemacht,
her Kaufmann erzählt von den Spekulationen, die ihm gelungen.