fullscreen: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die Maschine in ihrer Wirkung auf die Arbeiter. 
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ohne den Klein- und Mittelbetrieb ganz zu beseitigen; besonders in der Landwirtschaft 
besteht er technisch umgebildet, aber social unverändert fort. — 
Die wichtigste sociale Folge der Großtechnik ist die Entstehung eines breiten Lohn— 
arbeiterstandes: die Wirkung der Maschine und der modernen Technik auf ihn ist der 
letzte specielle, vielumstrittene Punkt, den wir berühren. Wir fassen zunächst die Zu— 
oder Abnahme der Arbeitsgelegenheit und ihre Regelmäßigkeit ins Auge. 
Wenn aller Zweck der Maschine Ersparung menschlicher Arbeit ist, so kann darüber 
nicht wohl Zweifel sein, daß die neuere Maschinenentwickelung immer wieder Arbeitern 
ihre hergebrachte Arbeitsgelegenheit und ihren Verdienst nahm, den Lohn der mit der 
Naschine konkurrierenden Handarbeit aller Art drückte. Dieser Prozeß wurde ermäßigt durch 
die langsame Verbreitung der Maschine und durch die rasche Ausdehnung vieler Gewerbs— 
zweige in den aufblühenden Kulturstaaten; aber die Hunderte von Maschinenzerstörungen 
und tumultuarischen Aufständen, die von 1700 bis über die Mitte unseres Jahrhunderts 
herein reichen, das chronische Handspinner- und Handweberelend von Hunderttausfenden, 
wie es zwischen 1770 und 1870 ganze Gegenden proletaristerte, reden eine ebenso 
lapidare Sprache über das erzeugte Arbeiterelend wie die neuere Arbeitslosigkeit. In 
den Vereinigten Staaten wurden nach Wells und anderen durch die neuesten technischen 
Fortschritte von 1870 —90 Arbeiter überflüssig: in der Möbelindustrie 28—30, in der 
Tepetenindustrie 93, in der Metallindustrie 883, in der Waggonfabrikation 65, in der 
Maschinenindustrie 420—70, in der Seidenmanufaktur 509/0. Die Verdrängung der 
Männer- durch Frauen- und Kinderarbeit ist auch nur ein Stück aus diesem Prozeß 
der Arbeitsersparung. Man sagt nun, all' die so für die entlassenen Arbeiter erzeugte 
Not sei nur eine vorübergehende gewesen, und das ist in gewisser Beziehung wahr. 
Wenigstens die jüngeren Kräfte fanden stets anderweit Arbeit; die folgende Generation 
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entwickelung geschaffenen größeren Arbeitsnachfrage in anderen Berufszweigen gegenüber. 
Aber zwischen der beginnenden Not und der einsetzenden Hülfe lag oft entsetzliches 
Hungerelend. Der alie gewöhnliche Manchestertrost, überall sei sofort durch die 
Maschinenverbilligung die Rtachfrage nach der entsprechenden Ware so gestiegen, daß die 
Arbeitsentziehung kaum zu spüren gewesen, ist eine grobe Täuschung. Auch in Zukunft 
wird dieser Prozeß fortdauern, nur in dem Maße weniger hervortreten, als ein technisch 
hochstehender und beweglicher Arbeiterstand sich rascher den Veränderungen anpaßt, und 
als eine allgemein hohe Blüte und verbesserte Organisation der Volkswirtschaft die 
entlassenen Arbeiter in den Berufen unterzubringen weiß, die als weniger maschinell 
entwickelt noch zunehmender Arbeitskräfte bedürfen. 
Die Regelmäßigkeit der Arbeitsbeschäftigung war in älteren Zeiten, mit lokalem 
Markte und patriarchalischen Zuständen, natürlich viel größer als heute. Sie nahm 
mit der Ausdehnung der Märkte und unter den heutigen kurzen Arbeitsverträgen ab; 
zunächst am meisten in der Hausindustrie, wo der Arbeitgeber sich für die Heimarbeiter 
nicht verantwortlich fühlt. Die maschinelle Fabrikindustrie giebt wieder regelmäßigere 
Arbeit, sofern der Unternehmer die Maschinen regelmäßig gehen zu lassen ein Interesse 
hat, — aber unregelmäßigere, sofern die Konjunkturen der Weltwirtschaft und die 
Moden schwankender werden. Die unregelmäßigere Beschäftigung wurde früher weniger 
empfunden, so lange die meisten Arbeiter ein Häuschen, ein Stück Allmende oder Acker— 
land zu bebauen hatten, nicht allein vom Lohne lebten. Die ganze Frage der Regel— 
mäßigkeit und Unregelmäßigkeit der Arbeit ist in ihrem letzten Kerne aber nicht von 
der Technik, sondern von der socialen Ordnung der Volkswirtschaft zu lösen. 
Die Wirkung der Maschine auf die Lebenshaltung, Gesundheit, Kraft und Bildung 
der Arbeiter ist in jedem Berufe, ja in jeder Abteilung einer Fabrik und je nach der 
Länge der Arbeit und den sonst mitwirkenden socialen Umständen so verschieden, daß 
alle allgemeinen optimistischen und pessimistischen Urteile übers Ziel hinausschießen. 
Nähmaschine und Lokomotive, Spinnstuhl und Dampfhammer können nicht wohl über— 
einftimmende Wirkungen ausüben. Man wird nur im allgemeinen sagen können, daß 
die ältere haus- und landwirtschaftliche, sowie die Arbeit in der alten Handwerksstatt
	        
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