Full text : Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Allgemeine Würdigung des Maschinenzeitalters. 225

neue Volkswirtschaft zeigt in Westeuropa und den englischen Kolonien einschließlich der
Vereinigten Staaten übereinstimmende technische, aber daneben doch sehr verschiedene
sociale Züge, je nach Rasse, Geschichte, Volksgeist, überlieferter Vermögens- und Ein—
kommensverteilung, je nach den verschiedenen Institutionen.
Wohlstand und Lebenshaltung ist allerwärts außerordentlich gestiegen; aber in
den einzelnen Ländern nehmen daran die verschiedenen Klassen sehr verschieden teil.
Auch ist Vermehrung und Verbilligung der Produktion in den einzelnen wirtschaftlichen
Zweigen eine sehr verschiedene; in Gewerbe und Verkehr liegen, wie wir sahen, die
Glanzseiten. Allgemeiner aber sind die Wirkungen auf vermehrte Berührung aller
Menschen, auf größere Kenntnisse, gestiegene Beweglichkeit. Die feineren Lebensgenüsse
sind allgemein gewachsen, das Leben ist im ganzen verschönert, ästhetisch gehoben. Ebenso
ist alles Wirtschaftsleben, auch das im Hause, auf dem Bauernhose, rationalisiert, ist
von naturwissenfchaftlichen Kenutnissen mehr beherrscht, ist rühriger, energischer geworden;
es ist freilich auch unendlich komplizierter geworden, ist durch die Verknüpfung mit
anderen Wirtschaften von Gesamtursachen abhängiger, leichter gestört, von Krisen öfter
heimgesucht. Indem man immer mehr für die Zukunft, für die Ferne produziert, ist
Irrtuͤm leichter möglich. Aber dafür hat man größere Vorräte, welche besseren Aus—
gleich zwischen verschiedenen Orten und Zeiten gestatten. Man wird über Not, Krisen,
Störungen im ganzen doch besser Herr als früher. Je höher die Technik steigt, desto
mehr kann sie den Zufall beherrschen. Alle fortschreitende Technik stellt Siege des Geistes
über die Natur dar.
Aber aller Fortschritt in der Naturbeherrschung ist nur dauernd von Segen, wenn
der Mensch sich selbst beherrscht, wenn die Gesellschaft die neue revolutionierte Gestaltung
des Wirtschaftslebens näch den ewigen sittlichen Idealen zu ordnen weiß. Daran fehlt
es noch. Unvermittelt steht das Alte und das Neue nebeneinander; alles gärt und
brodeli; die alten Ordnungen lösen sich auf, die neuen sind noch nicht gefunden. Der
Fleiß, die Arbeitsamkeit sind außerordentlich gestiegen, aber auch der Erwerbstrieb, die
Hastigkeit, die Habsucht, die Genußsucht, die Neigung den Konkurrenten zu vernichten,
die Frivolität, das eynische, materialistische Leben in den Tag hinein. Vornehme Ge—
sinnung, religiöser Sinn, feines Empfinden ist bei den führenden wirtschaftlichen Kreisen
nicht im Fortschritt. Das innere Glück ist weder bei den Reichen durch ihren maßlosen
Genuß, noch bei dem Mittelstande und den Armen, die jenen ihren Luxus neiden, ent—
sprechend gestiegen. Ein großer Techniker selbst konnte vor einigen Jahren unsere über—
stolze Zeit mit den nicht unwahren Worten charakterisieren: „Genußmenschen ohne Liebe
und Fachmenschen ohne Geist, dies Nichts bildet sich ein, auf einer in der Geschichte
unerreichten Höhe der Menschheit zu stehen!“
Immer ist ihm zu erwidern: alles wahre menschliche Glück liegt in dem Gleich—
gewicht zwischen den Trieben und den Idealen, zwischen den Hoffnungen und der prak—
tischen Möglichkeit der Befriedigung. Eine gärende Zeit materiellen Aufschwunges,
gestiegenen Luxus', zunehmender Beduͤrfnisse, welche das Lebensideal bescheidener Genüg—
samkeit und innerlicher Durchbildung hinter das thatkräftiger Selbstbehauptung zurück—
gestellt hat, muß eine geringere Zahl glücklicher und harmonischer Menschen haben.
Äber es wird nicht ausschließen, daß eine künftige bexuhigtere Zeit auf Grund der
technischen Fortschritte doch mehr jubjektives Glücksgefühl erzeugen wird. Und in Bezug
auf die Gesellschaft möchte ich sagen: sie baue sich mit der neuen Technik ein neues,
unendlich besseres Wohnhaus, habe aber die neuen sittlichen Lebensordnungen für die
richtige Benutzung desselben noch nicht gefunden; das sei die große Aufgabe der
Gegenwart. Und, möchte ich beifügen: wir müssen heute neben den technischen Bau⸗
meistern den Männern danken und ihnen folgen, die uns lehren, den technischen Fort—
schritt richtig im sittlichen Geiste, im Gesamtinteresse aller zu nützen!
86. Schlußergebnisse. Liegt in der vorstehenden Würdigung des Maschinen—
zeitalters schon gewissermaßen eine solche der technischen Entwickelung im ganzen, so sind
doch noch einige ergänzende Schlußworte über das Verhältnis von Technik und Volks—
Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. J. 4.-6. Aufl. 18
            
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