Grenzen des technischen Fortschrittes. Sociale Folgen. 221
Em. Hermann spricht Zweifel aus, ob unsere Ernährung und Wohnung besser sei als
die der Griechen und Römer; nur unsere Werkzeuge und chemische Verfahrungsweise,
meint er, ständen höher. Sicher ist, daß die hundertfache Leistung der Spinn- und Dampf—
maschine gegenüber der Handarbeit nicht generell hundertfachen Reichtum bedeutet, noch
weniger ihn für beliebig vermehrte Menschenmengen schafft. Und mögen wir uns noch
so sehr rühmen, daß die Handarbeit der 1560 Mill. lebenden Menschen nicht ausreichte,
um je zu spinnen, zu drucken, zu schleppen, was heute die Maschine spinnt, druckt und
schleppt, von Gespinst, von gedruckten Nachrichten und vom gesteigerten Verkehr lebt
der Mensch nicht allein. Aus demselben Grunde sind auch alle Specialberechnungen
der Steigerung der produktiven Kraft des Menschen in diesem oder jenem Gewerbe, so
richtig sie im einzelnen sein mögen, als Beweis fürs Ganze irreführend, so z. B. wenn
Michel Chevalier für die Mehlbereitung seit Homer die Steigerung berechnet auf 1: 144,
für die Eisenbereitung seit 4285 Jahrhünderten auf 1: 80, für die Baumwollverarbeitung
1769 —1855 auf 1:700. Die Menschen in ihrer Gesamtheit sind deshalb nicht 144
oder 80 oder 700 mal reicher. Man könnte bei aller Anerkennung der riesenhaften
Leistungen der modernen Technik sagen, die Ungleichmäßigkeit ihrer Fortschritte sei
zunächst das Charakteristische. Könnten wir mit atmosphärischer Luft heizen, und Mehl
und Fleisch statt durch die pflanzen- und tierphysiologischen Prozesse durch die chemische
Retorte herstellen, dann erst wäre der ideale Zustand geschaffen, den die technischen
Optimisten oft heute schon gekommen glauben. —
Natürlich erschöpft sich nun die Beurteilung des heutigen Maschinenzeitalters nicht
in der Frage nach der Vermehrung und Verbilligung der wirtschaftlichen Produktion
und deren Grenzen. Daneben kommt die Veränderung in der ganzen Organisation der
Volkswirtschaft, in der Stellung der socialen Klassen, der Familie, der Unternehmung
und Ähnliches in Betracht. Hierüber endgültigen Aufschluß zu geben, ist freilich heute
sehr schwierig, weil wir, mitten in dem ungeheuren Umbildungsprozeß stehend, schwer
sagen können, was vorübergehende, was dauernde Folge sei. Und an dieser Stelle
darüber zu reden ist nur andeutungsweise möglich, weil wir die zu berührenden Fragen
erst in den folgenden Büchern im einzelnen erörtern wollen.
Das erste, was uns von solchen Folgen in die Augen springt, ist die Thatsache,
daß, wie jeder große Fortschritt, so heute der technische, von einzelnen Individuen,
Klassen, Völkern ausging, diese an Einkommen und Reichtum, Einfluß und Macht
außerordentlich emporhob. Die Differenzierung der Gesellschaft steigerte sich; an dem
Fortschritt und seinen ersten Folgen konnten nicht alle gleichen Anteil haben. Neue
führende, herrschende, genießende, Macht und Reichtum teils richtig teils falsch brauchende
Kreise stiegen empor, die übrigen sanken damit entsprechend, blieben zurück, wurden
teilweise gedrückt, verloren durch den Konkurrenzkampf mit den emporsteigenden. Wie
für die Maschinenvölker, so gilt das für die führenden Unternehmer, Ingenieure und
Kaufleute innerhalb derselben. Die Kaufleute kommen nicht sowohl wegen der technischen
Fortschritte des Handels in Betracht, als weil im Verkehr die wichtigste Verbesserung
liegt, und diese gewissermaßen erst recht die fähigen Händler zu den Beherrschern der
Volkswirtschaft machte, ihnen den größten Gewinn zuführte. Doch darf bei diesem
Differenzierungsprozeß und seiner Wirkung auf das Einkommen und die Machtstellung
nicht übersehen werden, daß an diese erste Folge sich bald Bewegungen im entgegen—
gesetzten Sinne schlossen. Die andern Völker, bis nach Japan und Indien, begannen
rasch die Maschinentechnik nachzuahmen, und sie ist lehrbarer, leichter zu übertragen,
als es die technischen Vorzüge der früheren Zeiten waren, weil sie in Schriften und
Modellen fixiert ist, in offenen Schulen jedem Fremden gelehrt wird, durch Maschinen⸗
ausfuhr überall hindringt. Ebenso gingen die höheren Kenntnisse und Fertigkeiten in
Westeuropa doch bald auf die übrigen Klassen der Gesellschaft, wenigstens teilweise,
über. Das äußerliche Hauptergebnis der Maschinentechnik, ein steigender Kapitalüberfluß
und sinkender Zinsfuß setzte einen erheblichen Teil des ganzen Volkes in die Lage,
seinerseits zu Verbesserungen in der Produktion zu schreiten, einen andern, die gesamten
arbeitenden Klafsen, höhere Löhne zu erkämpfen.