Full text: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

In diesen Gedanken des englischen Gelbbuches steckt mehr 
an praktischer Lebenserfahrung und zutreffender Psycho- 
logie, als in den ganzen Theoremen der Wirtschaftsdemo- 
kratie. Man mache, um -im Bilde zu bleiben, die Betriebs- 
leitung zu einem betriebsdemokratischen Endglied in einer 
wirtschaftsdemokratischen Kette, in der die oberen Funk- 
tionäre zu einem guten Teile abhängig sind von der Stim- 
mung der unteren, und allesamt von dem Votum der 
Masse, und man wird erkennen, worauf die Sache hinaus- 
läuft. 
Nein, auf dem Wege‘ der Wirtschaftsdemokratie mag 
das Problem der Arbeitsfreude für einige „Erhöhte‘“ mit 
Erfolg gelöst werden können. Der Arbeiter am Schraub- 
stock und vor der Feuerung wird nichts davon gewinnen, 
wenn er auf seinem Rücken die anonyme Säule einer risiko- 
losen Bürokratie trägt. Die Lösung des Problems für alle 
ist eben eine andere ungleich schwerere Aufgabe. Sie ist 
um so mehr gewährleistet, je näher Betriebsarbeit, leiten- 
der Entschluß, Risiko an Ruf und Vermögen und endlich 
die Verantwortung vor dem Gewissen zusammenliegen. Zur 
Hebung der Arbeitsfreude in diesem Kreise vermag die 
Wirtechaftedemokratie nichts Wesentliches beizutragen. 
Das Schlagwort vom Bildungsprivileg. 
Von Bergassessor Dr.-Ing. e. h. Ernst Brandi, Dortmund, 
Vorsitz. d. Vereins für die bergbaulichen Interessen in Essen. 
Wenn man der unermüdlichen Propaganda für die Wirt- 
schaftsdemokratie Glauben schenken will, dann befinden 
wir uns mit ihr auf dem besten Wege zum Millennium des 
sozialen Friedens und der wirtschaftlichen Wohlfahrt. Das 
gewaltige Gebäude unserer Industrie wird auf den beiden 
Pfeilern der „sozialen Gleichberechtigung‘“ aller Wirtschaits- 
bürger und der „Selbstverwaltung“ sicher und gelassen 
ruhen. Der Sumpfboden des rrivaten Gewinnstrebens wird 
weitgehend durch das Röhrenwerk des „organisierten Ge- 
meinwohls“ drainiert und kultiviert sein; in den Betrieben 
werden Menschen schaffen, die in dem. Bewußtsein, daß 
auch ihre Würde und ihre Interessen in dem neuen Wirt- 
schaftssystem mit allgemeingültigen und öffentlich geeichten 
Gewichten gewogen werden, keine andere Neigung mehr 
kennen, als durch restlose Hingabe an ihre Arbeit — und 
sei diese noch so schwer — das Gemeinwohl bis zu un- 
geahnten Höhen des Erfolges zu fördern. Draußen. im 
Lande wird ein zwar streng beherrschter, aber dennoch 
reger Handel und Wandel sein, und ein ungeahntes geistiges 
Leben wird an tausend Zweigen leuchtende Blüten treiben. 
Das Schulwesen wird in wenigen geschlossenen Zügen die 
Massen des Volkes bis zu den Morgenhöhen der geistigen 
Frkenntnis führen, die letzten Schatten des versinkenden 
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