Full text : Naturalwirtschaft und Geldwirtschaft in der Weltgeschichte

1906

großer Geldmengen dazu erst recht befähigt hat’). Diese Geldwirtschaft
 gewinnt zudem einen übernationalen Charakter und durchbricht
 die alten Grenzen der lokalen und landschaftlichen Wirtschaft;
 sie bezieht mit den neugegründeten Kolonien nach und nach
die ganze Welt in den Kreis ihrer Spekulationen ein, indem sie
unabhängig wird von dem alten Warentransport und der Barzahlung
 an Ort und Stelle des Geschäftsabschlusses; sie vermag ein
Bank- bzw. Kreditwesen auszubilden, das die weitesten Entfernungen
 überwindet und schließlich überhaupt ohne Barleistung
auskommt (Clearingverkehr).
So oder ähnlich lautet doch mehr oder weniger die bekannte
Formel, die durch die Wirtschaftsstufentheorie Karl Büchers dann
erst recht noch verstärkt wurde. Die reine Geldwirtschaft ist gewissermaßen
 der ökonomische Kulminationspunkt und die Kreditwirtschaft
 von heute nur die Ausmündung des langen Stromes, an
dessen Ursprung — weit zurückliegend — die Naturalwirtschaft
gestanden hat.
Der Historiker, der die durch zeitgenössische Quellen bezeugte
Wirklichkeit zu erfassen sucht, muß sich entschieden gegen diese
Stufenleitertheorie aussprechen. Denn eine Tatsache tritt trotz aller
Vermehrung der Geldwirtschaft eindrucksvoll allüberall zutage, und
das ist der Fortbestand reichlicher Naturalwirtschaft
 auch in diesen Zeiten hochentwickelten Geldumlaufes und
allgemeinen Geldgebrauches. Selbst in den neuesten Darstellungen
der Wirtschaftsgeschichte ist diese Erscheinung nicht entsprechend
gewürdigt worden. W. Sombart hat in seiner übertreibenden und
zuspitzenden Art von der alten Agrarverfassung zwar behauptet,
sie sei in ihren Grundzügen bis ins 18. und in manchen Ländern bis
tief ins 19. Jahrhundert hinein dieselbe geblieben.
„Man hat in Europa auf dem Lande im Jahre 1800 nicht viel
anders gelebt als im Jahre 800, oder, wenn man die stärkere Ausbildung
 der tauschwirtschaftlichen Beziehungen berücksichtigen will,
als im Jahre 1300*%).‘“ Aber Sombart hat daraus keinerlei Konsequenzen
 hinsichtlich des Fortbestandes der Naturalwirtschaft.
oder ihres Verhältnisses zu der Geldwirtschaft gezogen. Ihm kommt
es mehr darauf an zu zeigen, daß die Zwecksetzung der landwirtschaftlichen
 Produktion, die seiner Meinung nach immer noch unter
3) W. Sombart, Der moderne Kapitalismus ı', 331 u.a.
» A.a.O. ın, 2%, 650 (1921).
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.