Full text: Naturalwirtschaft und Geldwirtschaft in der Weltgeschichte

250 
Die schwierige wirtschaftliche Lage, welche durch die Ab- 
sperrungspolitik Napoleons herbeigeführt wurde, hat J. G. Fichte 
veranlaßt, in seinen „Reden an die deutsche Nation“ nicht nur für 
eine nationale Einigung, sondern auch für eine wirtschaftliche Ver- 
selbständigung gegenüber dem Auslande einzutreten. Schon 1800 
hatte er eine Schrift erscheinen lassen „Der geschlossene Handels- 
staat‘, welche dieses Ziel durch Abschließung der heimischen Pro- 
duktion gegenüber dem Auslande und gleichmäßige Verteilung der- 
selben auf die einzelnen Stände erreichen zu können meinte. 
Fichte befürwortete den Naturaltausch zwischen landwirtschaft- 
lichen und gewerblichen Produzenten und eiferte nicht nur gegen 
den Welthandel, sondern auch gegen die abgöttische Verehrung der 
ausgeprägten Metalle, also das Münzgeld. 
Im letzten Weltkrieg (1914—1918) aber sind diese Tendenzen 
noch viel mehr laut geworden, als die Not der Hungerblokade vor 
allem Mangel an den lebenswichtigen Nahrungsmitteln bewirkt 
hatte. Man trat für die Erweiterung der Landwirtschaft durch Ein- 
beziehung bisher unkultivierter Ländereien (Sumpf, Moore u. a.) 
ein, und wollte das, was man vom feindlichen Ausland nicht mehr 
beziehen konnte, z. B. Zucker und Baumwolle, durch Ersatzstoffe, 
wie Ahornsüße und Nesselgewebe, daheim produzieren. Einer der 
bekanntesten Wirtschaftshistoriker hat während des Weltkrieges 
geschrieben: „Die Autarkie bleibt unser Ideal. Wie die Beobach- 
tungen des großen Kriegs, in dem wir stehen, schon gelehrt haben, 
wird die Grundlage unserer Stellung in der Welt unser starker 
Nationalstaat und sein Ausbau, unsere Nationalwirtschaft und ihre 
kräftigere Ausprägung, die Nationalisierung unserer wirtschaftlichen 
Verhältnisse bilden?*).“ 
Wichtig aber ist doch gerade für die hier behandelten Probleme, 
daß in beiden Fällen, 1807/08 und 1914—1918, die Autarkie tat- 
sächlich nicht erreicht werden konnte, und von der wissenschaftlichen 
Forschung auch dargelegt worden ist”), daß es ganz unmöglich sel, 
den Fichteschen Gedanken eines geschlossenen Handelsstaates durch- 
zuführen und zur wirtschaftlichen Autarkie unseres Vaterlandes zu 
1) G. v. Below, Mittelalterl. Stadtwirtschaft u. gegenwärtige Kriegs- 
wirtschaft. 1917, S. 39. 
2%) Vgl. Karl Diehl, Deutschland als geschlossener Handelsstaat im Welt- 
kriege, 1916, bes. S. 27 ff.; sowie Wygodzinski, Die Nationalisierung der Volks- 
wirtschaft, 1917 (Kriegswirtschaftl. Zeitfragen 8), bes. S.ıs ff.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.