Der gesellschaftliche Erfolg der Arbeitsteilung. 365
und Genies so mit Hülfe der Arbeitsteilung ersannen, das macht in der Folge als
objektive Arbeitsmaxime die Arbeit von Millionen fruchtbarer. Indem arbeitsteilige
Organe uns besonders das abnehmen, was uns übermäßig viel Zeit und Mühe kostet,
wen wir es nicht regelmäßig üben, was uns, wie die Bestellung von Briefen, der
nächtliche Schutz unseres Hauses, nicht mehr Mühe macht, ob wir es für uns allein
oder fur 10 und 100 Nachbarn zugleich besorgen, entsteht eine gesellschaftliche Zeit—
ersparnis ohnegleichen.
Der heutige Staat, die heutige Volks- und Weltwirtschaft mit all' ihrem Glanz,
ihrem Reichtum, sie sind ein Ergebnis der Arbeitsteilung. Die Existenz eines neben—
einander bestehenden regulierenden, produzierenden und verteilenden Systems von Or—
zanen, wie es Herbert Spencer ausdrückt, und alles Zusammenwirken dieser regierenden,
schaffenden und verteilenden Kreise, die Spaltung der regierenden in centrale und lokale,
in Specialzweige, in befehlende und ausführende Organe, die Abzweigung der wirtschaft⸗
lichen Leitung von der regierenden in der Gesellschaft, die Scheidung der liberalen Berufe
von den kirchlichen Funktionen, die Gegensätze von Stadt und Land, von Gewerbe,
Handel und Landwirtschaft, von Unternehmer und Arbeiter, kurz alles dieses kompliziertere
Kulturleben ist eine Folge der Arbeitsteilung. Durch sie kommen alle Glieder einer
Gesellschaft in immer größere Abhängigkeit von einander; die Vergesellschaftung wächst;
oft wachsen auch die Konflikte und Reibungen; aber zuletzt müffen die Losungen gefunden,
die richtigen Verbindungen hergestellt werden. Insofern liegt in der Arbeitsteilung der
Antrieb zum sittlichen Fortschritte, zu immer besseren Institutionen. So oft die Völker
an dem Probleme strauchelten, so viele darüber zu Grunde gingen, den fähigsten gelang
es. Die zunehmende Arbeitsteilung ging bei ihnen Hand in Hand mit dem intellek—
luellen und moralischen Fortschritte. Die Völker mit der größten Arbeitsteilung sind
doch die an Macht, Größe, Bevölkerung, Reichtum, Ausbreitungsmöglichkeit ersten; sie
find denen mit geringerer Arbeitsteilung überlegen, sie bleiben die Sieger im welt—
geschichtlichen Kampfe um den Erdball.
Aber dieser große Erfolg für die Gesamtheit wird nicht ohne schwere Opfer für
einzelne Individuen und Klassen erreicht. Die Arbeitsteilung fordert von ihnen, daß
fie sich einzelnen Aufgaben anpassen, daß sie vielfach ihre Eigenzwecke hintansetzen hinter
die Thätigkeit für andere, für die Gesellschaft; sie fordert die komplizierten Kompromisse,
deren psychologische Voraussetzungen oft ebenso schwer herzustellen sind, wie ihre Durch—
führung Körper und Geist schädigt. Seit es eine Arbeitsteilung giebt, haben die Klagen
über sie vom individuellen Standpunkt nicht aufgehört. Zumal die neuen großen Fort⸗
schritte der Arbeitsteilung, deren richtige Begrenzung und Versöhnung mit den An—
sprüchen individueller Ausbildung und harmonischer Lebensführung so vielfach noch
nicht gefunden sind, haben sie aufs neue gesteigert. Die Naturschwärmerei Rousseaus
und des ganzen 18. Jahrhunderts ist ein Protest, gegen die Arbeitsteilung. Schiller
klagt, daß sie den an ein kleines Bruchstück des Ganzen gefesselten Menschen nur zu
einem Bruchstück ausbilde, Hölderlin jammert, man sehe heute nur Handwerker, Priester ec.,
aber keine Menschen. Der socialistische Urquhart meint: einen Menschen unterabteilen,
heißt ihn hinrichten, wenn er das Todesurteil verdient hat, ihn meuchelmorden, wenn
er es nicht verdient hat; die Unterabteilung der Arbeit ist der Meuchelmord eines Volkes.
Engels klagt, der erste große Schritt der Arbeitsteilung, die Scheidung von Stadt und
dand, habe die Landbevolkerung zu jahrtausendelanger Verdummung verurteilt; „indem
die Arbeit geteilt wird, wird auch der Mensch geteilt; der Ausbildung einer einzigen
Thätigkeit werden alle übrigen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zum Opfer ge⸗
bracht,“ Von der Maschine und der modernen Technik hofft er Beseitigung aller Arbeils⸗
teilung, wie er vom Verschwinden des Gegensatzes von Stadt und Land träumt. Alle
derartigen Vorwürfe gegen die Arbeitsteilung haben darin recht, daß sie die harmonische
Ausbildung der menschlichen Körper- und Geisteskräfte als individualistisches Lebens—
deal betonen gegenüber der einseitigen Thätigkeit in einem erschöpfenden Lebensberuf;
sie haben auch darin recht, daß dieses individualistische Lebensideal immer wieder sich
geltend machen muß gegenüber den Ansprüchen der Gesellschaft und den übertriebenen